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13.04.2016 10:24 Uhr

„Achim war der beste Stürmer der DDR“

Heute feiert der einstige Weltklassefußballer Joachim Streich den 65. Geburtstag. Der Rückblick auf eine große Karriere, die in Rostock beim F.C. Hansa begann.

Och ja, er hätte schon gern das Tor gesehen. An jenem 26. November 1969 im Rückspiel des Messecups bei Inter Mailand (0:3). Aber? „Ich musste gegen Facchetti spielen. Der rannte pausenlos nach vorn, ich immer hinterher“, erinnert sich Joachim Streich. Der reinste Anachronismus, denn schließlich war Streich der Torjäger und nicht Facchetti, die dem Catenaccio abgeschworene Inter-Legende.

Der 23. August 1969 war historisch: Im Punktspiel in Dresden debütierten sowohl Hans-Jürgen „Dixie“ Dörner (Torschütze zum 2:0 für Dynamo) als auch Streich in der Oberliga. Für Beide der Beginn einer eindrucksvollen Laufbahn, in der Dörner (392 Punktspiele, Platz 4 in der ewigen Bestenliste) und Streich (378, Siebter) den DDR-Fußball maßgeblich prägten. Fünf Spieltage nach seinem Debüt feierte Streich am 13. September 1969 beim 1:2 in Leipzig-Leutzsch gegen Chemie sein erstes Oberligator. „Das alles hatte ich wohl unserem Trainer Horst Saß zu verdanken, der mich mit meinen 18 Jahren in die erste Mannschaft berief“, sagt Streich. Bei Rudi Schneider im Nachwuchs wurde der Rohdiamant noch geschliffen, bei Saß saßen die Argumente: Bester Hansa-Schütze der Saison 69/70 (7 Tore), Auswahleinstand am 8. Dezember in Bagdad beim 1:1 gegen den Irak.

In Rostock (58 Tore in 141 Punktspielen) reifte Streich zum Klassestürmer heran. Punktuell zur Weltklasse hochgejazzt. Etwa mit einem Traumtor beim 1:1 gegen England in Leipzig im Mai 1974. Liverpools spätere Torhüter-Ikone Ray Clemence flog vergeblich gegen den Kunstschuss des Rostockers, der bei der Weltmeisterschaft in der Bundesrepublik gut drei Wochen später in Hamburg gegen Australien (2:0) ein Tor fast im Liegen erzielte. Von der Euphorie der ersten und einzigen WM-Teilnahme profitierten in der Saison 74/75 weder Hansa (Abstieg!) noch Streich (nur 6 Tore, schlechteste Serie für ihn überhaupt!). Dass er am letzten Spieltag beim Tabellenletzten Vorwärts Stralsund einen Strafstoß zum dringend benötigten Sieg vergab, hängt ihm heute immer noch in den Kleidern. „Ich kann’s jetzt ja nicht mehr ändern“, seufzt Streich.

Der Wechsel nach Magdeburg (Streich wollte nach Jena, durfte nicht) tat Hansa weh, keine Frage! Für Streichs sportliche Entwicklung war er ein Elixier. Kurios dabei: Der 1.FC Magdeburg, durch zwei Meisterschaften, einem Pokalsieg und dem Europacup-Sieg gegen AC Mailand (2:0) binnen kurzer Zeit zum Maß aller Dinge im DDR-Fußball aufgestiegen, brauchte an der Seite seiner Topstürmer Sparwasser und Hoffmann einen adäquaten dritten Mann. Nachdem Streich das Trikot überstreifte gewannen die Elbestädter keine Meisterschaft mehr. Was selbstredend nicht an Streich lag, denn in seinen 237 Spielen mit 171 Toren für den 1.FCM manifestierten sich die Fakten für eine extravagante Karriere: Viermal Torschützenkönig (Rekord, neben dem Dresdner Kreische), dreimal Pokalsieger, zweimal Fußballer des Jahres (1979, 1983). Als der Berliner Riediger in der Saison 1978/79 vor dem letzten Spieltag mit 18 Treffern die Torschützenliste vor Streich (17) anführte, da hoben die Magdeburger ihren Torjäger auf den Thron: Sechsmal Streich im Spiel gegen Chemie Böhlen (10:2). Eine Inszenierung aus dem Tollhaus!

Streichs Tore! Schlitzohrig, unberechenbar. „Man entwickelt einen Instinkt dafür“, sagt er lapidar. Beim 9:0 gegen Malta im Oktober 1977, einem Qualifikationsspiel zur WM 1978, traf der eingewechselte Streich binnen 19 Minuten dreimal. Sein spektakuläres Tor zum 1:1 gegen Polen in der Qualifikation zur EM 1980 im Frühjahr 1979 hätte normalerweise die Orthopäden alarmiert. Ein formidabler Fallrückzieher gegen Rumänien in der Bruthitze beim Pfingsttreffen 1979 in Berlin verfestigte den Eindruck: Streich konnte alles. „Er war für mich der beste Stürmer in der DDR“, versichert Hansa-Legende Jürgen „Dackel“ Heinsch.

An den Großen seiner Zeit in der Auswahl zog Streich vorbei. Croy, Frenzel, Vogel, Ducke. Das 100. Länderspiel absolvierte der gebürtige Wismarer am 12. September 1984 in London. Heiligtum, Mekka – das altehrwürdige Wembley-Stadion. Streich wurde vor dem Spiel von Englands Auswahlkapitän Peter Shilton (der bei seinem Debüt 1970 ebenda von Eberhard „Matz“ Vogel und dessen „Strahl“ zum 1:2 einen ersten Einblick von der Klasse der DDR-Fußballer gewann) geehrt und hinterher beim Bankett von keinem Geringeren als dem FIFA-Ehrenpräsidenten Sir Stanley Rous (da schon 89 Jahre alt). „Für mich war das ein bewegendes und unvergessliches Erlebnis“, sagt Joachim Streich heute.

In Streichs letzter Saison 84/85 zog sich der Altmeister ins Mittelfeld zurück. Eine Studie des Cleveren: In Rostock, beim 0:0 seiner Magdeburger, schlug er einen genialen Außenrist-Pass. Technisch hochwertig, zur Nachahmung empfohlen. Und als Magdeburg seiner Tore bedurfte, ließ Streich sie nicht missen: Vier gegen Vorwärts Frankfurt (4:2), vier gegen Chemie Leipzig (7:0) zwei Wochen später. „Ich wollte mit dem Anspruch, den ich an mich hatte, aufhören“, erklärt Joachim Streich. Das heißt: 102 Länderspiele, dabei 55 Tore, 229 Punktspieltreffer – alles Rekorde, seinerzeit für den Augenblick und nun für alle Zeiten.

PS: Das letzte Tor seiner Karriere schoss Joachim Streich am 22. Mai 1985 beim 6:3 gegen den F.C. Hansa Rostock. Heute sei dem Mann verziehen…

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