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27.02.2006 11:14 Uhr

Die „Weißmacher“ vom FC Hansa Rostock

Besuch in den Katakomben des Ostseestadions…
Die Motoren von Waschmaschinen und Trockner durchbohren die Ruhe der hellen Räume. Waschpulverduft sticht in der Nase. Hier exakt zusammen gelegte Stutzen, Hosen, Hemden. Da dreckige Trainingsklamotten.
Neonlicht fällt auf dutzende Bälle in der einen Ecke, Wintersachen füllen eine andere aus. Auch hier drehen die Maschinen, was die Motoren hergeben.
Wir sind zu Gast bei den „Weißmachern“ des F.C. Hansa. Es ist das „Reich“ der  Zeugwarte Andreas Thiem (40) und Alexander Kodera (33).
Diese Jungs von Hansa kommen morgens oft als erste ins Stadion und gehen als letzte um 19.30 Uhr, nach Heim- und Auswärtsspielen wird es schon einmal Mitternacht oder Morgen.
Morgens packen sie die frische Wäsche raus, mittags sammeln sie die dreckigen Sachen auf – und waschen, waschen, waschen. Nachmittags das gleiche Spiel. Alles wie bei Muttern…
Zwischendurch werden die Koffer für die Reise oder für das nächste Heimspiel gepackt.
Für die Profis sind die Wasch- und Trockenräume und das Lager gleich hinter der Mannschaftskabine. Für die Amateure und Jugendspieler sind sie im Nachwuchstrakt neben der Geschäftsstelle.
Power ist immer und überall.
„Andy“ und „Onko“ arbeiten mit Leib und Seele ab, was sie von Lizenzchef Herbert Maronn und Nachwuchs-Vorstand Bernd Ziemer übertragen bekommen.
Die Jungs verstehen ihr Handwerk, die Handgriffe sitzen, sie sind die besten Freunde der Spieler und Trainer.
Im Trophäenzimmer von Andy Thiem stapeln sich Trikots (286!) aus über 10 Jahren Bundesliga, Trikots von den Stars der Liga, Autogrammkarten, alte Töppen. Andenken an Beinlich, Hoffmann, Chalaskiewicz, Pieckenhagen, Studer, Neuville oder Beeck.
Andy und Onko – sie leben ganz nah an der Seite der Hansa-Stars.
Früher, so erinnert sich der einstige Oberliga-Stürmer Gert Kostmann, gab es keine „Weißmacher“. Da wurde die Wäsche selbst gewaschen. Der Schweiß im Hemd vom Vormittagstraining wurde in der Mittagspause in der Kammer getrocknet. Da waren auch oft noch die Spielerfrauen die „Weißmacher“ und nur manche Sachen gingen in eine Wäscherei.
Es war die Zeit, da im Verein die fleißigen Hände von Arno Lorenz, Walter und Martha Wünsch, Waltraut Johans oder Klaus Decker für die Sachen zuständig waren. Damals wurden auch die Nummern und Embleme teilweise noch von Hand aufgenäht. Heute schickt das oft alles schon Ausrüster JAKO komplett nach Rostock.
Der gelernte Schweißer Andreas Thiem macht den Job seit 1986. Als hauptamtlicher Zeugwart ist er unterdessen seit 01.12.1988 im Dienst, jetzt Herr von zirka 800 Trikots, 500 Paar Schuhen, 150 Trainingsanzügen und 180 Bällen pro Jahr.
Andy ist mit Hansa zweimal auf- und abgestiegen, erlebte zehn Jahre Bundesliga am Stück und fast ebenso viele Trainer. Sein schönstes Erlebnis war das erste Bundesliga-Jahr unter Uwe Reinders. Sein aufregendstes Spiel war die Begegnung gegen Borussia Dortmund als man ein 0:2 in ein 3:2 drehte. An Dramatik war der Klassenerhalt in Bochum nicht zu überbieten.
Mit 10 Jahren kam Andreas als Fan erstmals ins Ostseestadion, kickte selbst in der Bezirksklasse, war Mannschaftsleiter, betreute erst die Hansa-Junioren, dann die Männer. „Hansa ist mein Leben geworden.“
Beim Heimspiel bekommen die Spieler auf ihrem Kabinenplatz Handtuch, Unterziehhemd, Trainingsanzug, Spielhose, Trikot, Stutzen, Radlerhose, Regen- oder Wärmejacke, Schienbeinschoner und Schuhe „serviert“. Zur Pause gibt es Wechselwäsche.
Auf Reisen wird die Gästekabine ähnlich bestückt, in der Regel um 9.00 Uhr nach dem Frühstück. Für Heimspiele werden 30 Bälle vorbereitet, für Auswärtsspiele 10 Bälle. Dazu kommen Taktiktafel, Trainersachen, Leibchen, Handtücher und Stollenkoffer (mit 500 Stollen!)
Auf Reisen gehen bei 20 Spielern ca. 65 Paar Schuhe mit. Andy Thiem ist da oft auch ein „kleiner Adi Dassler“ der Neuzeit, montiert Stollen je nach Wetterlage.
Auch für die Halbzeitgetränke (Elektrolyte warm oder kalt statt Tee) ist der  Zeugwart verantwortlich. Die Physiotherapeuten setzten die Mischung an, die Zeugwarte und der Busfahrer Heiko Aschenbrenner verteilen die Getränke dann.
Trainieren die Jungs von Frank Pagelsdorf heute zweimal am Tag, dann ist der Waschaufwand groß: 60 T-Shirts, 60 Hemden, 120 Stutzen, 60 Regenjacken, 60 Trainingsanzüge. Inklusive Decken, Radlerhosen und Mützen. Da werden dann schon 9 Maschinen nach einer Trainingseinheit voll beladen blitzblank gewaschen. Anschließend kommt alles in den Trockner.
Während Andreas Thiem vorrangig die Profis betreut, ist sein Kollege Alexander Kodera (33) auch noch für die gesamte Amateur-Abteilung zuständig.  Er ist der „Weißmacher“ für die Amateure bis hin zur C1.
Alexander ist von Beruf Maler und Lackierer, kam vom SV Warnemünde. Von dort holte ihn Jürgen Heinsch als Mannschaftsbetreuer. Vier Jahre arbeitete er ehrenamtlich für die A-Junioren, dann verpflichteten ihn 1997 Manager Herbert Maronn und der damalige Hansa-Trainer Frank Pagelsdorf für die Profiabteilung. „Haupt-Waschtag“ ist für „Onko“ natürlich der Montag, wenn die Klamotten vom Sonntag ins Haus kommen. Dann wird zehn Stunden am Stück gewaschen. Das sind 80 bis 100 Kilo Wäsche. 9 bis 10 Waschmaschinen voll!
„Onko“ ist aber auch „Herr des Materials“ im Nachwuchs, verwaltet 600 bis 700 Paar Schuhe, verteilt Trainingsklamotten, Trikots, Hosen, Stutzen und Bälle.
Nachwuchs-Chef Bernd Ziemer sagt über den Zeugwart der Amateure: „Der Junge ist Tag und Nacht für den Verein unterwegs, eine Seele von Mensch!“
Was übrigens kaum jemand weiß, die Zeugwarte bestimmen in der Regel auch, in welchen Klamotten gespielt wird. Andy Thiem: „Das machen wir in Absprache mit dem DFB, dem Trainer und dem Manager. Oft spielen dann auch Traditionen und Aberglaube mit“.
Bislang hat immer alles geklappt. Pannen gab es nur beim Gegner. Einmal musste der KSC in Hansa-Hemden spielen, einmal liefen die Energie-Kicker mit Hansa-Hosen auf. Aber da war der Zeugwart sauer: „Von 25 Hosen kamen nur 17 zurück und einige Embleme mit der Kogge waren auch noch raus geschnitten…“
Aber ansonsten, so sagen Andy und Onko, verstehen wir uns mit den Kollegen aus der Bundesliga und der 2. Liga prima.
Einziger Unterschied in Rostock zu Bayern München: In München gibt es einen Schuhschacht für dreckige Schuhe, bei Hansa putzt noch jeder selber…
Das ist nicht Sache der „Weißmacher“!

 

 

 

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