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19.05.2009 09:06 Uhr

Enrico Kern: Kämpfer mit Herz

Enrico Kern. Wir kennen ihn als Torjäger und Kapitän. Wir kennen ihn als Stürmer und Kämpfer. Er wurde gefeiert und ausgepfiffen, er war Held und Loser. Aber wie ist der Bursche aus dem Erzgebirge wirklich? Wir haben uns mit dem Sachsen getroffen und festgestellt, er lebt für den Fußball. Aber Fußball ist nicht alles. Der zweifache Familienvater ist auf dem Platz ein Naturbursche und in seiner Freizeit ein vielbeschäftigter Papa mit vielen Interessen. Aber vor allem hat dieser Enrico Kern ein Herz für seine Familie und ein Herz für den F.C. Hansa. Sein Leben ist mit beidem eng verknüpft. Und: Nie zuvor in der Karriere hat dieser Enrico Kern als Profi eines Vereins so viel in so kurzer Zeit erlebt wie mit dem F.C. Hansa Rostock. Als er im Winter 2006 zu Hansa kam, wurde er sofort Torjäger und Stammspieler, kam in den Mannschaftsrat und wurde Kapitän auf Zeit. Man entging in der 2. Liga dem Abstieg und stieg mit der Mannschaft in die Bundesliga auf. Kern wurde Leader und litt unter dem Abstieg aus der Beletage des deutschen Fußballs. In dieser Saison kämpft er als Leitfigur ums Überleben – als Profi und für den Verein.
                                                                                
Enrico Kern aus Schlema im Erzgebirge ist ein Familienmensch. Ein Junge aus den Bergen, der mit seiner Frau Nadin auszog, mit dem Ball am Fuß das Glück zu suchen. In Aue, Berlin und Bremen, in Mannheim und Linz oder in Regensburg. In Rostock hat er es nach längerer Suche und vielen Stationen gefunden. Der Fußball-Lehrer Frank Pagelsdorf hat ihn im Winter 2006 an die Ostsee geholt. Hier lebt er mit seiner Frau, hier lebt er mit den Kindern Leoni-Sophie und Lotta.
Lotta wurde am 26.3.2009 in Rostock geboren und kam mit 3850 Gramm und 53 Zentimeter Größe um 17.35 Uhr im Südstadt-Krankenhaus zur Welt. Lotta hat sich so einen Geburtstag „ausgesucht“, dass Papa trotz Abstiegskampf bei der Geburt dabeisein konnte und nicht kicken musste – und mit Lotta verbindet sich für Enrico neues Glück in Familie und Verein. Denn seit Lotta da ist, ist die hanseatische Fußballseuche scheinbar vorüber. Seit Lotta da ist, hat Kern zu alter Form und Hansa zurück in die Erfolgsspur gefunden. Mit Lottas Geburt folgten zum Beispiel drei Siege am Stück. Lotta als Sonnenschein…
Wir sitzen an der Ostsee auf einem Stein. Das Meer rauscht, die Wellen kippen brutal, der Wind pfeift. Das Wasser prallt hart von den Felsen zurück. Sturmwarnung an der See. Das passt zu den vergangenen Monaten von Hansa.
„Otto“ Kern immer mittendrin statt nur dabei.

Kern schiebt sein Basecap auf halb Sieben und sagt: „Hansa – das ist für mich die intensivste Zeit, die ich je als Fußballer mitgemacht habe. Ich glaube, ich habe hier alle Höhen und alle Tiefen eines Fußballerlebens durchlitten. Ich habe hier gezittert und gebangt, gelitten und gejubelt und wieder gelitten und wieder gejubelt. Verrückt. Wahnsinn. Aufstieg, Abstieg, Abstiegsgefahr. Existenzkampf für Verein und Familie. Verletzungen und damit Höhen und Tiefen. Erst seit Lotta auf der Welt und Andreas Zachhuber unser Trainer ist, hat sich unser Leben wieder etwas normalisiert.“
Es steht einem Spieler nicht zu, seinen Arbeitgeber öffentlich zu kritisieren, aber Kern sagte schon immer offen und ehrlich seine Meinung. So war das immer, ob in Aue, Berlin oder Rostock.

Er hat seine Meinung und er sagt sie. In der Regel intern. Aber er scheut nicht den Konflikt. „Meine oberste Regel ist es, ehrlich zu sein! Man muss alles sagen und über alles offen reden. Im Erfolg ist es leicht, im Schlamassel schwieriger.“
Wind und Wetter treiben uns in die Wohnung von Enrico zurück. Kern nimmt Lotta liebevoll in den Arm. Dann  erzählt er uns, wie er die Zeit nach dem Bundesliga-Aufstieg erlebt hat.
„Wir waren so stolz, als wir mit Frank Pagelsdorf aufgestiegen sind. Wir haben das Maximum damals erreicht. Wir haben für den Aufstieg gelebt. Aber diese, meine erste Bundesligasaison, habe wir auch verschenkt. Es war so leicht, in der Bundesliga zu bleiben, aber wir haben es nicht gepackt. Es war wohl eine Frage der Disziplin.“

Dies ist das Stichwort. Im Fußball lebst du von Disziplin und Ordnung sowie Respekt, von der Einstellung und vom Mannschaftsgeist. Einiges davon ist mit der Zeit an der Küste ausgespült worden. Die Hack-Ordnung ging kaputt und damit die Mannschaft.
Kern glaubt, das einst gute System Pagelsdorf hatte sich wohl mit den Jahren und dem Erfolg etwas abgenutzt. Eilts war in seiner ersten Trainerstation als Vereinscoach zur falschen Zeit am falschen Ort und Zachhuber der richtige Trainer zur richtigen Zeit. „Er lebt uns alles vor, er denkt so positiv und aktiviert dich, er nimmt dich mit ins Boot oder in den Zug, wie er es ausdrückt.“
Hansa ist wieder eine Mannschaft. Zachhuber lebt also Fußball. Zachhuber motiviert, lebt, leidet, heuert, feuert. Zachhuber fordert, Zachhuber fördert. Er hat seine Leitwölfe wieder stark geredet. Kern immer mittendrin. „Wir haben wieder Vertrauen, Selbstvertrauen und Mut. Wir treten wieder als Mannschaft auf. Wir lagen am Boden, der Trainer hat uns gesagt, wie wir wieder aufstehen können. Er kann wirklich unheimlich motivieren und positiv denken. Seine Sprache ist klar und deutlich…“

Enrico Kern gibt zu, dass der größte Niederschlag seiner Karriere der Bundesliga-Abstieg war. „Daran hatte ich lange zu knabbern.
Aber der Abstieg aus der Bundesliga damals und der mögliche Abstieg aus der 2. Liga jetzt, da gibt es Unterschiede.
„Mit der Bundesliga hatten wir ein Optimum geschafft. Das war ein geiles Gefühl. Die Stadien, das Fluidum. Das alles habe ich genossen. Dann die Katastrophe. Was wir uns mühsam aufgebaut haben mit dem Aufstieg, wurde leichtfertig vergeben. Aber okay, als Aufsteiger kannst du auch wieder absteigen und als Absteiger warst du in der 2. Liga eigentlich der potentielle Aufstiegskandidat. Aber: Wir haben erlebt, was Nürnberg und Lautern auch als Absteiger erlebten, wir haben nur an den Vorwärtsgang gedacht und die Bremse im Alltag der Liga nicht gefunden. Plötzlich waren wir ganz unten und plötzlich geht es um die Existenz des Vereins. Das macht dich unsicher, das macht dich schlaflos, wenn du wirklich an deinem Verein hängst. Plötzlich bist du als Spieler für die Arbeitsplätze, für die Region, für die Fans, für alles verantwortlich. Und du weißt: 3. Liga. Da geht es bergab. Du bist plötzlich gelähmt. Andreas Zachhuber hat als Kenner des Vereins in kurzer Zeit die Situation richtig erkannt und wohl auch  die richtigen Maßnahmen ergriffen.“

Im Sommer läuft der Vertrag von Enrico Kern aus. Sein Nachbar, der ehemalige Mitspieler und heutige Manager Rene Rydlewicz würde ihn gerne an der Ostsee halten. Die Weichen sind gestellt. Auch Andreas Zachhuber setzt auf Kern. Wie jetzt!

 

 

 

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