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15.12.2006 08:14 Uhr

Frank Pagelsdorf

Zweitliga-Tabellenführer Hansa Rostock ist als einzige deutsche Profi-Mannschaft in dieser Saison noch ungeschlagen. Die Tageszeitung Die WELT sprach mit Trainer Frank Pagelsdorf über die Gründe des Aufschwungs, Christoph Daum und die Fehler seines Ex-Klubs HSV.


Herr Pagelsdorf, ist es für Sie von Bedeutung, Hinrundenerster werden zu können?
Frank Pagelsdorf: Es ist psychologisch von Vorteil, sich mit einem solchen Erfolgserlebnis in die Winterpause verabschieden zu können.

 

WELT.de: Hansa ist als einziges Team im deutschen Profifußball noch ungeschlagen. Was macht Ihre Mannschaft so stark?
Pagelsdorf: Erstens: taktische Disziplin. Zweitens: Fitness. Drittens: Teamgeist.

 

WELT.de: Das klingt recht einfach...
Pagelsdorf: ...hat aber Anlauf gebraucht. Die Mannschaft musste lernen, und sie hat ihre Lehren aus der vergangenen Saison gezogen. Das macht sie nun zu einem besseren Team.

 

WELT.de: Das angeführt wird von Stefan Beinlich, mit dem Sie 1995 schon hier in Rostock den Aufstieg gefeiert haben.
Pagelsdorf: Erfolg setzt sich immer zusammen aus vielen Mosaiksteinchen. Aber Stefan ist ein großer Teil des Ganzen. Er bestärkt das Kollektiv als erfahrenster Spieler darin, dass es ohne die erwähnten Tugenden keinen Erfolg gibt.

 

WELT.de: Ihre Mannschaft scheint die Zweite Liga schnell verlassen zu wollen. Sieben Mal hat sie nach einem Rückstand noch gewonnen oder zumindest unentschieden gespielt, unter anderem beim 4:4 auswärts gegen Verfolger Karlsruhe, wo sie 1:4 zurücklag. War es das wichtigste Remis der Saison?
Pagelsdorf: Absolut. Das hat bei uns den Glauben an die eigene Stärke ungemein gefestigt. Es war der Knackpunkt dieser Saison - und zwar im positiven Sinne. Es hat uns gezeigt, dass alles möglich ist und dass unser Siegeswille trotz aller Erschütterungen nicht bezwingbar ist, wenn wir es nur selber wollen.

 

WELT.de: Mit welchen Schlagwörtern ist Ihre Philosophie vom Spiel zu beschreiben?
Pagelsdorf: Identifikation und Talente. Der Fan braucht in einer strukturschwachen Region wie Mecklenburg etwas, das ihm Halt gibt. Er muss sehen, dass sich die Spieler seines Klubs mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln in den Verein einbringen. Das kann aus meiner Sicht nur verstärkt werden, wenn wir Talente mit einbinden. Wir haben in dieser Saison sieben Spieler aus der zweiten Mannschaft rekrutiert. Das wird nicht immer gelingen, das ist klar. Aber wir wollen hier in Rostock der beste Ausbildungsverein der Republik werden, um so unsere strukturellen Nachteile als Profiklub kompensieren zu können.

 

WELT.de: Was hat sich verändert, seitdem sie 1997 von Rostock gen Hamburg zogen?
Pagelsdorf: Damals huschten die Mäuse durch mein Büro, und im Entmüdungsbecken fanden wir mal eine tote Ratte. Heute sind die Bedingungen erstligareif. Vom Stadion über die Trainingsplatze bis zu meinem Büro: keine Mäuse, keine Ratten.

 

WELT.de: Ein Kolumnist bemühte mal den großen Vergleich: Sie würden zu Rostock passen wie Rehhagel einst zu Bremen. Ist das treffend?
Pagelsdorf: Es ist zumindest nett.

 

WELT.de: Sie werden aber überdies eingestehen, dass Ihnen als Rückkehrer kein Nachteil daraus erwächst, weil Sie die Strukturen des Klubs ganz gut einschätzen konnten.
Pagelsdorf: Natürlich war das gut für den Neuanfang. Aber wenn du wieder zu einem Klub kommst, mit dem du mal ganz erfolgreich gearbeitet hast, dann ist die Erwartungshaltung natürlich höher, als es bei einem anderen der Fall wäre.

 

WELT.de: Dieses Schicksal teilen sie mit Ihrem Kölner Kollegen Daum. Hat es Sie überrascht, dass er dem Klub doch noch den Zuschlag gegeben hat?
Pagelsdorf: Ja, sehr. Denn es ist unterschwellig die Gefahr da, vielleicht seinen Namen zu ramponieren, wenn der Erfolg ausbleiben sollte. Aber für den Klub ist es eine glückliche Fügung. Bei jedem Trainer, der nach seiner Absage gekommen wäre, hätte der Verein dessen Beerdigungskosten gleich mit einkalkulieren können. Eine Alternative zu Daum gab es nicht.

 

WELT.de: Sie haben indes aus Aberglauben bei ihrem Schuhwerk keine andere Wahl. Beim HSV trugen Sie so lange ein gelbes Sakko, bis Ihre Erfolgsserie riss. Nun sind es gelb-orangefarbene Joggingschuhe, die Ihre Siegsträhne begleiten. Nutzen Sie das als psychologisches Mittel für Ihr Team, oder brauchen Sie solcherlei Rituale für sich selbst?
Pagelsdorf: Das ist mein eigenes Ding. Ich war schon als Spieler so. Bräuche gehörten für mich zum Fußball wie der Ball.

 

WELT.de: Sie gehörten lange Zeit zum HSV. Welchen Eindruck macht der Klub auf Sie?
Pagelsdorf: Ich hatte erwartet, dass es nicht reibungslos laufen würde. Dass es aber so schlecht läuft, davon war bei der Qualität des Kaders nicht auszugehen. Man kann jedoch nicht Führungsspieler wie van Buyten, Barbarez oder Beinlich so einfach ersetzen. Van der Vaart war lange verletzt, Boulahrouz wurde verkauft. Nach wie vor aber wurde von der Champions League gesprochen, nicht aber davon, dass die vielen neuen, ausländischen Spieler Eingewöhnungszeit brauchen. Das Ergebnis sieht man jetzt.

 

WELT.de: Beeindruckt es Sie dennoch, dass an Trainer Thomas Doll so lange festgehalten wird?
Pagelsdorf: Es ist für mich einfach nur die logische Konsequenz. Die Lage wurde von der Führung falsch eingeschätzt. Sie wissen, dass der Trainer dafür am wenigsten kann.

 

WELT.de: Wo werden Sie dem HSV im nächsten Jahr begegnen? In der ersten oder zweiten Liga?
Pagelsdorf: Wir wollen zu den sechs Teams gehören, die wohl um den Aufstieg mitspielen werden. Wie es dem HSV ergehen wird, darüber könnte ich nur spekulieren.

 

Quelle: welt.de, Patrick Krull

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