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17.03.2014 09:05 Uhr

Hansa-Profis kicken mit JA-Insassen in Neustrelitz (mit Video)

Manfred Starke hat sich in den abgelaufenen Tagen nichts zu Schulden kommen lassen. Seine Trainingsleistung stimmte und er wurde vom Gericht weder wegen schwerer Steuerhinterziehung noch wegen anderer Delikte zu einer Haftstrafe verurteilt. Dennoch zog es den 23-Jährigen am vergangenen Donnerstag in Begleitung von Milorad Pekovic in die Jugendanstalt Neustrelitz – freiwillig und zum Kicken.

Im Rahmen des Projektes „Hansa Rostock und ich“ stattet die Fanbetreuung des F.C. Hansa seit Februar, zunächst bis Juli dieses Jahres, einmal im Monat den heranwachsenden Straftätern in Neustrelitz einen Besuch ab, um mit diesen einen Präventionskurs durchzuführen. Den Grundstein für das Projekt legte ein Besuch von Hansas Aufsichtsratsvorsitzenden Thomas Abrokat und den Profis Sebastian Pelzer und Kevin Müller Ende Mai 2013, als der F.C. Hansa im Zuge der Resozialisierungsinitiative „Anstoß für ein neues Leben“ die Patenschaft für das Kreisligateam der Jugendanstalt, den FC Neustrelitz 07, übernahm.

Uwe Schröder, Hansas Behindertenbeauftragter und Mitarbeiter der Fanbetreuung, vermittelte daraufhin in Absprache mit Thomas Abrokat Anstaltsleiter Bernd Eggert die Idee einer längerfristigen Zusammenarbeit, die im vergangenen Monat mit der ersten Gruppensitzung offiziell realisiert wurde. Schröder, der bereits zuvor Individualbetreuung in Neustrelitz angeboten hatte, ist mit der Entwicklung des Projektes sehr zufrieden: „Bei der ersten Veranstaltung, die wir hatten, sind vielleicht zehn bis zwölf Leute gekommen und heute sind es schon 20. Das ist einfach toll, wie unsere Arbeit hier aufgenommen wird. Die Anstalt ist dankbar, dass wir kommen und man sieht natürlich auch, dass Hansa Rostock Leute anzieht.“

Um die Attraktivität der Veranstaltung, zu der Individual- und Gruppengespräche über Verhaltensmaßnahmen, Rassismus und Konfliktlösungsmanagement gehören, noch ein bisschen zu steigern, brachten Hansa-Fanbeauftragter Christian Falkenberg und Uwe Schröder mit Manfred Starke und Milorad Pekovic zwei Profis der Kogge mit. Und die zeigten sich bei der Ankunft auf dem 155.000 Quadratmeter großen Gelände erstmal bedrückt. „Entkommen? Keine Chance. Hier bleibt derjenige gefangen, der auch hier rein gehört. Eure beiden Profis haben also Glück“, machte Steffen Bischoff von der JA Neustrelitz erst gar keine Anstalten.

Doch der beklemmende Charakter hinter „schwedischen Gardinen“ sollte schnell verfliegen. Denn das Gruppengespräch in der Turnhalle des Geländes zum Thema Fair Play sorgte sogar recht schnell für ein bisschen Komik in dem sonst eher weniger komischen Alltag der Häftlinge. So fragte Christian Falkenberg zunächst: „Wer von euch hat denn schon mal eine Rote Karte bekommen?“, um dann direkt im Anschluss nachzufragen: „Und wer hat schon mal eine Rote Karte wegen Schiedsrichterbeleidigung bekommen?“ Beide Male meldete sich „Peko“ blitzschnell – und zwar fast alleine. Denn die Kreisligaspieler des FC Neustrelitz 07 sind beim Kicken eine ziemlich faire Truppe. In ihrer aktuellen Saison stehen sie auf Platz 1 in der Fair Play-Wertung und halten Platz 2 in der Punktspieltabelle.

Ihre gute Positionierung wollten die jugendlichen Insassen dann auch direkt auf dem Spielfeld der Anstalt unter Beweis stellen und forderten Starke und Pekovic nach vielen weiteren Fragen beim Gruppengespräch, beispielsweise zur Dopingkontrolle und dem Gehalt eines Drittligaspielers, zum sportlichen Fight auf dem anstaltseigenen Spielfeld. Diese gaben sich keine Blöße und kickten mit den Kreisligaspielern – für viele ein Moment, den man nicht wieder vergisst.

Für „Manni“ und „Peko“ endete der Tag ebenfalls mit so einem Moment. Zum Abschluss zeigte 07er-Coach Ingo Böttcher den beiden nämlich noch eine der winzigen 8-Quadratmeter großen Zellen von innen – und das beklemmende Gefühl war wieder da.

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