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25.01.2007 14:07 Uhr

Hansa Rostock reist zu seinen Wurzeln

Wer die Wurzeln des F.C. Hansa Rostock sucht, der muss von Mecklenburg-Vorpommern schon ins Erzgebirge in die Heimat des nächsten Auswärtsgegner, Wismut Aue,  reisen. Denn der legitime Vorgänger des Vereins an der Ostseeküste, man glaubt es heute kaum noch, ist der SC Empor Lauter.


Die Hansa-Onlineredaktion begab sich auf Spurensuche.

Drei Kilometer vor Aue biegen wir links in einen Feldweg ab, finden hier tatsächlich die Wurzeln des Vereins. Wir stehen vor dem Tor eines Fußballplatzes in der heute nur noch 5000 Einwohnergemeinde Lauter.
Ein maroder Bretterzaun verriegelt notdürftig das Gelände. Das Spielfeld ist übersät mit Gänseblümchen und Löwenzahn. Auf einer Anhöhe 80 m über dem Spielfeld befindet sich die Klubgaststätte mit der handbetriebenen Anzeigetafel unter einem Fenster an der Mauer.
Wir setzten uns auf eine der beiden morschen Trainerbänke und staunen: Kaum zu glauben, dass hier für den späteren F.C. Hansa Rostock vor 50 Jahren alles angefangen haben soll.
Rückblick: In einer Nacht- und Nebelaktion wurde die Mannschaft vom SC
Empor Lauter 1954 von SED-Funktionären an die Ostseeküste "verpflanzt".
Die Chronisten schrieben die Fußball-Saison 1954/55: Von 14 Mannschaften der DDR-Oberliga kamen  sieben aus Sachsen, die nördlichsten Zipfel auf der Fußballkarte waren Babelsberg und Berlin.
Das sollte, dass musste sich ändern, fand man in der Hauptstadt Berlin und entschied: Aus Empor Lauter wurde eben mal Empor Rostock.
Die Familien der Spieler wurden mit Neubauwohnungen in der Rostocker City und mit Gärten an der Küste und Ferienplätzen am Meer gelockt.
Kurt Zapf erinnert sich genau: „Man bot uns im Falle des Wechsels das
doppelte Gehalt.“ Anstatt 500 bekamen die Spieler 1000 DDR-Mark.
Männer jener Stunde wie Kurt Zapf, Gerhard Schaller, Karl-Heinz Singer und Karl Pöschel kehrten im Sommer 2004 noch einmal an die Wurzeln ihrer Jugend zurück, schwelgten in Jugend-Erinnerungen.

Und sie erfuhren damals dies: Der Nachfolger von Empor Lauter, der Lauterer SV Viktoria 1913, war nun gerade von der Bezirks- in die Kreisliga abgestiegen. Neben einer Herren- und einer Seniorenmannschaft beschäftigte der Klub fünf Nachwuchsteams. Steffen Geyer war Trainer und Mädchen für alles im Klub. Er wohnte mit seiner Familie eine Etage über der Vereinsgaststätte mit Tanzlokal rund 80 Meter Lufthöhe über dem Anstoßkreis. Es ist im übrigen das Geburtshaus des ehemaligen Hansa-Torwartes Dieter Schneider…
Die ehemalige Tribüne ist inzwischen mit Pflanzen und Unkraut zugewachsen. Geyer: „Zu unseren Heimspielen kommen heute selten mehr als 30 Leute."
Der Höhepunkt der vergangenen 50 Jahre war so auch nur ein Spiel gegen die einstige DDR-Nationalmannschaft im Jahr 1993. Lauter verlor damals mit 1:10.
Die Überraschung für die Senioren nun  in Lautern:

Heute ist das Aushängeschild des Vereins nicht die Fußball- sondern die  Kraftsportabteilung.
Die Fußballer aus dem Erzgebirge und die Erzgebirgler und Sachsen aus Mecklenburg-Vorpommern trafen sich 2004 anlässlich des 50. Jubiläums damals auch noch einmal in Auerbach.
Hansa-Boss Manfred Wimmer seinerzeit: "Es wurde Zeit, dass wir die Tradition
wieder aufleben lassen. Einen besseren Anlass kann es nicht geben."
Wimmer kam damals mit einer kleinen Spende von genau 1954 Euro sowie
Sportausrüstungen und Souveniers für die Lauterer.
Im Herbst 2005 waren die Veteranen im Gegenzug im neuen Ostseestadion.
Empor-Idol Kurt Zapf erzählte da noch einmal, wie es denn 50 Jahre zuvor wirklich war.
„Empor Lauter war seinerzeit  Spitzenreiter der Oberliga, das Stadion noch ein Asche-Platz in Schwarzenberg. Der Ort hatte ca. 6.000 Einwohner. Eine schöne Ecke. Aber ohne Perspektive. Der Fußball war in dieser Zeit eine abwechslungsreiche Alternative. Empor Lauter war in diesen Tagen Spitzenreiter mit 8:6 Punkten. Mitten in der Saison wurden die Spieler mit ihren Frauen in einen Nobel-Bus gesteckt. Wir reisten an die Küste, man zeigte uns die Kur-Bäder am Meer und versprach uns den Himmel auf Erden. Die Frauen, wie meine Luise, waren schnell angetan. Ich auch.“

Innerhalb von nur drei Wochen, mitten in der Saison, verschwand Lauter von der Oberliga-Karte, Rostock war die neue Fußball-Adresse des Oberliga-Spitzenreiters! Zapf, Pöschel und Freunde fuhren bei Nacht und Nebel und unter Schimpf und Schande mit dem Bus bzw. mit dem Zug gen Norden davon.
Neun Stammspieler und zwei Reservisten gingen von Lauter mit an die Küste, vier Spieler (u.a. Kapitän Walter Espig), die erst zugesagt hatten, sprangen schnell wieder ab.
Ihnen hatten die Spießroutenläufe in Lauter zugesetzt. Viele Wechselgegner ließen ja zur gleichen Zeit im Erzgebirge ihren Volkszorn an den bereitstehenden Möbelwagen von Lauter Richtung Rostock aus. Verräter…
Dies ging so weit, dass Karl-Heinz Singer später erzählte: „Verwandte, Eltern der Abtrünnigen, wurden in Lauter und Umgebung nicht mal mehr bedient.“

Aber Empor Lauter  war jetzt SK Empor in Rostock. Die Spieler wohnten im „Mecklenburger Hof“ mit Trainer Oswald Pfau unter einem Dach. Zapf mit trockenem Humor: „Bierabende waren unter seiner Kontrolle kaum möglich. „Die schönen versprochenen Wohnungen in der damals noblen „Lange Straße“, auf der später fast alle Erzgebirgler logierten,  waren noch nicht ganz fertig.
Dann nahte auch schon der historische 14. November 1954.
Es war ein Sonntag. Mittags.
Empor musste nun als Empor Rostock gegen Chemie Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) ran. 18.000 erwartungsfrohe Mecklenburger Zuschauer saßen in einem halbfertigen Ostseestadion - aber nur zehn Rostocker (und zwei Reservespieler) in der Kabine. Erst kurz vor Spielbeginn kam mit dem gebürtigen Stendaler Günter Bartnicki noch ein Kicker aus Warnemünde. Unter diesen Umständen war dann auch ein 0:0 schon ein Erfolg. Alle Achtung Empor Rostock. Die Helden der ersten Stunde damals:
Rudi Leber, Kurt Zapf, Gerhard Schaller, Karl-Heinz Singer, Karl Pöschel, Rudolf Schneider, Arthur Bialas, Herbert Müller, Rolf Leeb, Günter Barticki, Herbert Zwahr. Als Reservisten standen noch bereit: Ersatzkeeper Hermann Roth, Franz Bialas und Roland Weißpflug.
Mit insgesamt nur 16 Spielern wurde man am Ende Neunter und verlor im Pokalfinale auch nur knapp.

In Sachsen und im Erzgebirge hatten Zapfs Mitspieler unterdessen schnell den Namen weg: „Fischköppe.“ Und zu jeder Niederlage gegen die sächsische Konkurrenz kam der Spott. Heino Kleiminger, damals 17 Jahre, erinnert sich: „Ob in Aue oder Zwickau oder Karl-Marx-Stadt, überall waren da Plakate: Rostock hat den Aal, wir haben den Pokal…“
Das Zusammenleben war auch unter den Spielern nicht einfach: „Minuth und Holtfreter redeten so stets  platt miteinander. Der Sachse Rolf Leeb, ließ sich dann oft von mir übersetzen, wat haben die da gesagt?“, so erzählt Kleiminger amüsiert.
Mittlerweile war auch Torwart Jürgen Heinsch als 18jähriger aus Lübeck in Rostock angekommen. „Die Alten brauchten uns Jungen, wie wir sie. So eine Hackordnung wie heute gab es dadurch nie so richtig.“
Derweil kamen auch immer mehr Spieler an die Küste: Der Ur-Sachse Walter Fritzsch wurde Trainer. Wolfgang Bartels kam aus dem westpreußischen Marienburg. Auch Herbert Pankau und Kurt Habermann waren Westpreußen, Gert Kostmann war Stettiner, Klaus Dieter Seehaus kam aus Hagen/Westfalen, Werner Drews war Danziger, Helmut Hergesell war ein Münchner aus Greifswald. Stein und Sykora waren „junge Hüpfer“ aus Wismar.
Ganz lange war Empor eine Art „Meister der Herzen“, eben oft nur Vize-Meister (1962, 1963, 1964, 1968) in der Oberliga oder Pokalsieger-Verlierer (1955, 1957, 1960, 1967, 1987). Ewig Zweiter eben.

Erst mit der Gründung des F.C. Hansa Rostock und der Kinder- und Jugendsportschule kamen immer mehr Mecklenburger und Rostocker zum Verein.
Es war jene Generation der Kehl, Kunath, Hoffmann, März, Schlünz, Schulz, Jarohs, Weichert, Doll und Röhrich, die dann als Urgesteine des F.C. Hansa wirklich mecklenburgische oder sogar tatsächlich endlich ihr Wurzeln in Rostock hatten…

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