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14.11.2006 14:13 Uhr

Jungs fürs Leben fitmachen!

Noch nie war die Nachwuchs-Arbeit des F.C. Hansa Rostock seit der Wende so erfolgreich wie in den letzten zwei Jahren. Noch nie gab es im Verein an der Ostseeküste so viele DFB-Spieler im Jugendbereich, noch nie hatte der Klub in so hoher Zahl bestens ausgebildete Fußball-Trainer mit entsprechenden Lizenzen. Aber nichts ist so gut, dass man es nicht besser machen kann. Also überlegte man am Trotzenburger Weg, wie die individuelle Ausbildung potentieller junger Profis noch dynamischer, noch konstruktiver, noch besser gestaltet werden kann. Die Mannschaft um Nachwuchs-Vorstand Bernd Ziemer analysierte und beschloss: Am  1. Oktober 2006 stellt der F.C. Hansa Rostock e.V. einen Sozialpädagogen für die Nachwuchs-Abteilung ein.

Bald darauf trat der Mann seinen Dienst auf der Hansa-Geschäftsstelle an: Es ist Thomas Engels (42). Der Co-Trainer unserer A-Jugend verließ damit die Mannschaft von Gerald Dorbritz und kümmert sich nun zukünftig um das sportliche und persönliche Wohl aller Nachwuchs-Leistungssportler des Vereins. Engels wird so zum Verbindungsmann des vom ehemaliger DDR-Oberligaspieler Gerd Ehlers geleiteten Internats, den Trainern der A-, B- und C-Jugend sowie den Lehrausbildern der Jungs bzw. den Lehrern der Schützschule und dem Sportgymnasium.

 

Wir baten Thomas Engels beim Amtsantritt zum Interview.
Herr Engels, der F.C. Hansa ist für Sie ja wohl kein Neuland…?
Engels: Das kann man wohl sagen. Im Prinzip schließt sich mit meiner Anstellung als hauptamtlicher Sozialpädagoge des Vereins der Kreis meines Lebens. Ich bin gebürtiger Rostocker, habe mit sechs Jahren bei Hansa angefangen, bis zum 17. Lebensjahr hier gespielt. Ich kenne die Nachwuchsabteilung aus eigenem Erleben, die Abläufe, das Tagesgeschäft. Danach habe ich weiter für den Fußball gelebt, war Mittelfeldspieler in der DDR-Liga bei der TSG Bau Rostock und bei Schiffahrt-Hafen. Ich habe danach die Jugendmannschaften in Papendorf und Pastow betreut, war vier Jahre Trainer der 1. Männer des SV Pastow. Im letzten Jahr kam ich dann mit meinem Sohn Christian, der jetzt in der B-Jugend spielt, vom SV Warnemünde wieder zum F.C. Hansa, wo ich Gerald Dorbritz in der A-Jugend unterstützte.

So weit der Sport. Wie war Ihre berufliche Karriere?
Engels: Ich habe damals in der DDR Maschinen- und Anlagenmonteur gelernt, war Industriemeister. Ich war Ausbilder in der Polytechnik im ehemaligen WBK. Nach der Wende habe ich dann ein berufsbegleitendes Studium als Soziapädagoge abgeschlossen. 16 Jahre war ich seither in der Benachteiligtenförderung im ABC Bau. Diese Maßnahme ist leider ausgelaufen. Aber dadurch war ich auch frei für diese interessante Aufgabe, die mir der Verein jetzt angeboten hat.

Müssen  Sie sich da nun ganz neu orientieren?
Engels: Diese Aufgabe des Sozialpädagogen gab es hier ja noch nicht. Natürlich ist das erst einmal Neuland. Aber ich habe schon das gesamte letzte Jahr aus der Praxis heraus gespürt, dass es hier einen großen Bedarf für die Jugendlichen gibt. Ich kenne dies auch aus meinem einstigen Job, wo allein  gelassene Niedrigklassenabgänger und Kinder Sozialschwacher in extreme Probleme geraten sind, und um Rat und tat suchten. Hier im Sport ist das Gesamtniveau natürlich erst einmal viel höher, die Ausgangsbasis viel besser. Man darf es nicht verschweigen: Es ist schon ein Problem, wenn 12- oder 13 jährige am Vorabend ihrer Pubertät das Elternhaus verlassen und im Prinzip ab dann allein ihren Lebensweg in Schule, Sport und Freizeit suchen müssen. Natürlich sind da unsere Lehrer, sind da unsere Trainer, ist unserer Internatsleiter als väterlicher Freund.  Aber wer ist in den Zeiten dazwischen für die Jungs da. Da war und ist oft ein Vakuum. Das gilt es auszufüllen. Und das möchte ich so gut wie einst am letzten Firmensitz in Rostock-Bramow machen.

Was ist denn Ihr Ziel?
Engels: Ich möchte die Jungs fürs Leben fit machen. Sie in ihrem Leben begleiten. Da ist Fürsorge, da ist Vertrauen, da ist Respekt wichtig. Ich will niemanden bevormunden oder kontrollieren. Ich will hier Partner und Freund der Burschen sein. Ich will mit den Spielern den Weg ins Leben gehen, das heute außerhalb des Fußballplatzes immer rauer wird. Der Verein kann nicht jedem Jungen versprechen, Profifußballer zu werden. Wir haben auch für die weniger erfolgreichen Jungs eine Fürsorgepflicht. Und jeder kennt das Leben: Allein in Mecklenburg-Vorpommern gibt es eine Quote von 20 Prozent Arbeitslosigkeit. Also müssen wir die Jungen für den Sport, der auch ein natürliches Auswahlverfahren darstellt, und das Leben fit machen.

Für wen werden Sie speziell da sein?
Engels: Ich bin ein Ansprechpartner für alle, für die 20 Jungs im Internat, für die Schüler der Schütz-Schule und des Christophorus-Gymnasiums. Jeder kennt mich ab jetzt hier als Sozialpädagoge, jeder kann zu mir kommen. Ich werde für jeden von 7. 30 Uhr bis 20.30 Uhr oder 21 Uhr da sein. Wir können sportliche, wir können schulische, wir können familäre Probleme besprechen. Wir wollen das auch ganz individuell lösen, denn ein 13jähriger aus Schleswig-Holstein hat andere Probleme als ein 18jähriger aus der Großstadt Rostock. Bei dem einen musst Du sehen, wie tickt der. Der eine braucht eine laute Ansage, der andere ein Schulterklopfen. Oder: Bei einem Dritten musst du den 5:0-Sieg durchgehen, bei einem anderen die Niederlage helfen zu verarbeiten. Es gibt da noch viel zu tun zwischen Sportler, Eltern, Trainern, Lehrern, Behörden, Ausbildungsbetrieben. Und ich bin da gewissermaßen der Puffer…

Können Sie etwas konkreter werden, um was es bei Ihrer Arbeit geht?
Engels: Es geht tatsächlich um den privaten Bereich, wie die Ausbildung, Schule, Gymnasium, Lehrstelle, Beruf. Um Probleme der Freizeitgestaltung, des Zeitmanagements. Darum ob man seine Zeit nur an der Playstation verbringt oder mal ins Kino, ins Theater geht oder ein Buch in die Hand nimmt. Oder ob vielleicht auch mal eine Exkursion, ein Ausflug das Fernsehgerät ersetzen kann. Wir wollen Schlafgewohnheiten besprechen und Essgewohnheiten überprüfen. Ruhe ist doch für einen Leistungssportler genau so wichtig wie eine gesunde Ernährung. Natürlich wollen wir niemandem die Nachtruhe vorschreiben oder den Weg zu McDonald verbieten. Aber es kommt schon vor, dass Jungs ohne Frühstück ins Training gehen oder keine Brote in der Schule mithaben. Kurz danach wundern sie sich, warum sie nicht leistungsfähig sind. Darüber müssen wir sprechen. Darüber wollen wir diskutieren. Die Jungs dürfen sich nicht selbst überlassen werden. Und wenn sie verinnerlichen, dass ich mich um ihre Praktika- und Ausbildungsplätze in der Stadt für sie engagiere, ihnen Schlittschuh- oder Kartrennen anbiete, in Rostock auf Jobsuche für sie mit ihnen gehe, dort wo uns bis heute noch keiner Hilfe angeboten hat, wo Neuland oder Brachland ist, dann werden die Jungs schon von selbst hellhörig werden. Es gibt also doch wirklich viel Gesprächsbedarf. Mal nach eine 0:5-Pleite im Spiel, mal nach einer 0:6-Niederlage in der Schule…

Was wäre Ihr Wunsch an die Gesellschaft?
Engels: das uns mittelständische oder Großunternehmen zum Beispiel Lehrstellen oder Praktikumsstellen anbieten, die bislang zum F.C. Hansa noch keine Verbindung hatten, aber auf diesem Weg unsere Rückkehr in die Bundesliga unterstützen wollen. Ich weiß, dies ist verdammt kompliziert, aber uns helfen ja auch schon kleine Schritte und kleine Sponsoren.

Ihr Ziel für die Zukunft?
Engels: Möglichst viele Spieler entwickeln, wie wir sie jetzt mit ehemaligen Internatsschülern wie Tim Sebastian oder Marcel Schied haben, die den Weg in die erste Mannschaft, in den Profifußball mit Hansa schaffen. Ich denke, dass ich allein durch mein „Vorleben“, durch meine Erfahrung, durch meinen Sohn die Sprache der Jugend spreche und nun hoffe ich, dass sie mir auch zuhören werden.


 

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