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13.12.2010 10:28 Uhr

Juri Schlünz: Reinders war ein Glücksfall

Juri Schlünz war Kapitän der Rostocker Mannschaft, die vor 20 Jahren den historischen Einzug in die Bundesliga feierte. Im Interview mit Eurosport spricht die Hansa-Ikone über die spannende Wendezeit, einen sensationellen Auswärtssieg und seine Sammel-Leidenschaft. 

..Herr Schlünz, auf der Internet-Seite von Hansa Rostock steht, dass Sie Ihren ersten Spielerpass wie einen Goldschatz hüten. Stimmt das, und wo haben Sie ihn versteckt?

Juri Schlünz: Versteckt habe ich ihn nicht. Aber ich habe in meinem Haus ein kleines Panoptikum. Da habe ich ein paar Sachen aufgehoben. Dazu gehört nicht nur der Spielerpass, sondern auch ein Stein von unserem früheren Anzeigeturm und vom Marathontor unseres alten Stadions.

Sie sind Ihrem Verein Hansa in guten und in schlechten Zeiten treu geblieben. Aber Sie hatten doch bestimmt auch Angebote von anderen Vereinen?

Schlünz: Ja, die gab es, und zwar aus Erfurt und Magdeburg. Das hat mir schon geschmeichelt. Ich habe auch Gespräche geführt, aber zu guter letzt habe ich mich für Hansa entschieden, weil ich wusste, was ich an diesem Verein habe. Auch wegen der schönen Gegend hier wollte ich immer in Rostock bleiben.

Mit welchen Argumenten wollten Sie denn die anderen Vereine locken?

Schlünz: Mit der Aussicht, international zu spielen und auch ein bisschen mehr Geld zu bekommen. Wir hier oben sind eben schon immer ein wenig weit weg vom Schuss und auch finanziell hintendran gewesen.

Hatten Sie nicht doch irgendwann mal Lust, zu wechseln oder war Ihnen Hansa wirklich wichtiger als eine Nationalmannschaftskarriere?

Schlünz: Nationalspieler hätte man auch in Rostock werden können. Ich war aber gar nicht so heiß drauf. Außerdem war ich bei den Tests, die immer mal durchgeführt worden sind, nicht so gut. Ich konnte zwar ganz gut Fußballspielen, war aber bei den Sprinttests zu langsam. Ich war auch mal in der Olympia- und Nachwuchsauswahl, habe mich aber 1983 schwer verletzt, und dann war auch diese Sache für mich erledigt. Außerdem sind die verantwortlichen Leute nur zu uns hoch in den Urlaub gekommen und nicht zu den Spielen, um uns zu beobachten.

Joachim Streich musste damals vom Verband aus nach Magdeburg wechseln, weil er in der Zweiten Liga seine Nationalmannschaftskarriere nicht gefährden wollte. Hat der Verband in irgendeiner Weise auch in ihre Karriere eingegriffen?

Schlünz: Nein, das hat er nicht. Ich kann mich auch wahrlich nicht mit Joachim Streich vergleichen. Der ist Rekordnationalspieler mit über 100 Länderspielen. Das war bei ihm ganz anders. Ich stand nie zur Disposition.

In der Wendezeit waren Sie Kapitän unter Trainer Uwe Reinders; dem ersten Coach aus dem Westen in der Oberliga. Der schilderte in einem Interview ein paar Anpassungsprobleme. An welche Anekdoten erinnern Sie sich aus dieser spannenden Zeit?

Schlünz: Uwe Reinders war damals ein Glücksfall für Hansa Rostock. Der passte zum damaligen Zeitpunkt perfekt zu uns. Wir hatten vorher zu DDR-Zeiten bis zu viermal am Tag trainiert. Er hat viel weniger, aber dafür viel intensiver trainieren lassen. Er war noch sehr jung und hat dadurch seine Erfahrungen aus der Bundesliga sehr gut auf uns übertragen können. Zu seinen Trainingsmethoden gehörte auch Entspannung, Pflege, Sauna bis 18 Uhr. Da habe ich gesagt, ich müsste bis dahin aber meinen Sohn aus dem Kindergarten abgeholt haben, weil meine Frau Spätschicht hatte. Daraufhin meinte er, unsere Frauen bräuchten nicht mehr zu arbeiten. Ab morgen würden wir genug Geld verdienen. Außerdem hat er uns seine Telefonnummer gegeben und gemeint, wir könnten ihn Tag und Nacht erreichen. Allerdings hatte keiner von uns damals ein Telefon. Das hat natürlich zu vielen Gags geführt, ohne dass er uns lächerlich gemacht. Wir konnten auch über uns selbst lachen.

Sie haben Hansa als Kapitän 1991/92 in die Bundesliga geführt. Können Sie sich noch an die Momente des Triumphs erinnern?

Schlünz: Am Anfang der Saison wollten wir ja eigentlich nur unter die ersten Sechs kommen. Das hätte den bezahlten Fußball in Rostock gesichert. Doch drei Spieltage vor Schluss waren wir immer noch Erster und konnten mit einem Heimsieg gegen die zweitplatzierten Dresdner die Meisterschaft perfekt machen. Das haben wir geschafft und ich habe zwei Freistoßtore geschossen. Das ist ein Highlight, das man nicht vergisst. Das Stadion war zwar nicht ganz voll, aber wir haben am Abend noch schön gefeiert.

Im Anschluss daran spielten Sie im Europacup beim FC Barcelona. Ihr schönstes Erlebnis als Fußballer?

Schlünz: Da ich ja sehr selten international gespielt habe, gehört das für mich schon zu den absoluten Höhepunkten. Solche Stadien wie das Nou Camp kannten wir höchstens von Ansichtskarten. Wir hatten ein paar Jahre zuvor schon im UEFA-Cup gespielt und gehofft, dass wir zumindest einen Schweizer Gegner bekommen und nicht einen aus Polen oder der Sowjetunion. Und dann war es Banik Ostrava aus Tschechien. Das war fast ne Niete. Vom Los Barcelona haben wir im Trainingslager von Uwe Reinders erfahren. Das wollten wir ihm zuerst gar nicht glauben. Aber es war wirklich Barcelona. Das war ein riesiges Erlebnis, auch wenn die uns dort richtig auseinander genommen haben. Zumindest haben wir dann das Rückspiel mit 1:0 gewonnen.

Welche Erinnerungen haben Sie noch an den 2:1-Sieg bei den Bayern in der ersten Bundesliga-Saison 1991/92?

Schlünz: Jedes Auswärtsspiel in der Bundesliga war für uns so etwas wie eine Abenteuerreise. Riesige Stadien, Aufenthalte in den Hotels. Wir waren damals im Olympiastadion hochgradig motiviert. Die haben uns hundertprozentig unterschätzt und sind auch noch früh in Führung gegangen. Wir haben dann aber das verrückte wahr gemacht und dort gewonnen.

Hansa Rostock spielte nach der Wende zwölf Jahre in der Bundesliga, länger als jeder andere Klub aus der DDR-Oberliga. Was waren die Gründe?

Schlünz: Den Grundstein haben wir durch die letzte DDR-Meisterschaft gelegt. Da sind wir im Gegensatz zu manch anderem Verein personell auch nicht geschwächt worden. Und mit Frank Pagelsdorf hatten wir dazu einen jungen, mutigen und hungrigen Trainer, der viele junge Spieler eingesetzt hat, wie Steffen Baumgart oder René Schneider. Außerdem wurde solide gearbeitet und es wurden auch wirtschaftlich die richtigen Entscheidungen getroffen. Wir haben einige Spieler mit Gewinn weiter verkauft, wie Agali, Akpoborie oder Neuville. Dadurch konnte auch immer wieder in die Infrastruktur investiert werden: Neues Stadion, Internat, Geschäftsstelle, Kunstrasenplätze, beheizte Trainingsplätze.

Zu den sportlichen Erfolgen gesellten sich nach und nach aber immer mehr Probleme mit den Fans. Wie sehr schmerzen Sie die Bilder von Ausschreitungen der Hansa-Anhänger?

Schlünz: Es schmerzt mich ungeheuer, auch wenn Hansa kein Einzelfall ist. Wir waren mal einer der beliebtesten Vereine in Deutschland. Das ist leider nicht mehr der Fall. Außerdem werden dadurch unsere positiven Errungenschaften nicht gesehen. Wir sind deutscher A-Jugend-Meister, haben Eliteschulen des Fußballs hier. Aber das interessiert keinen. An unserem Erscheinungsbild müssen wir arbeiten, aber das Fan-Problem ist ein generelles Problem. Da muss die Politik eingreifen. Ich möchte irgendwann mal mit meinem Enkel ins Stadion gehen, ohne Angst haben zu müssen, dass ihm eine Rakete ins Auge fliegt.

Ist das ein Problem, das erst nach der Wende aufgetaucht ist, oder gab es solche Probleme auch schon in der Oberliga?

Schlünz: Nur in der letzten Oberliga-Saison gab es größere Probleme, da war es am schlimmsten. Denn keiner wusste mehr, wer das Sagen hatte. Selbst die Polizei wusste nichts. Da fand alles mehr oder weniger in einem luftleeren Raum statt. Aber davor ist, außer ein paar kleineren Vorkommnissen, nichts passiert.

Die Rivalität zum FC St. Pauli gehört zu den schärfsten im deutschen Fußball. Wie haben Sie als Spieler diese Duelle erlebt?

Schlünz: Als ich noch gespielt habe, hatten wir weder mit den Spielern noch mit den Fans Probleme. Das war cool dort. Als ich als Co-Trainer von Rostock mal dort war, standen St.Pauli-Fans am Zaun und haben geschlafen, die haben nichts mehr mitbekommen. Auf der anderen Seite gab es in Rostock mal ein Spiel, wo es so stark gequalmt hat, dass der St.Puali-Torwart Klaus Thomforde wohl nichts mehr sehen konnte. Seitdem gibt es da Probleme. Ich kann das aber nicht nachvollziehen.

In den letzten Jahren folgte sportlich der freie Fall in die Dritte Liga. Kritiker sehen die Gründe darin, dass sich Hansa weitestgehend gegen die Einflüssen von außen gewehrt hat und lieber sein eigenes Süppchen kochte. Können Sie das verstehen?

Schlünz: Wenn man Erfolg hat, ist diese Vorgehensweise genau richtig. Das war zehn Jahre so. Außerdem hatten wir hier auch Einflüsse von außen. Hier war Ewald Lienen, hier war Friedhelm Funkel, hier war Armin Veh. In den Vereinsgremien ging es auch hin und her. Normalerweise ist es aber ein Ausdruck von Stärke, wenn man Leute hat, die zum Verein stehen und mit Herzblut hier arbeiten. So ist das in Rostock, und in München beschwert sich auch keiner über die ehemaligen Spieler Rummenigge, Hoeneß und wie sie alle heißen. Dass wir jetzt in der Dritten Liga spielen, ist auch auf Schwächen der Entscheidungsträger zurückzuführen. Drei Trainerwechsel waren zu viel. Das war ein Armutszeugnis. Besonders Andreas Zachhuber wurde zu früh abgelöst. Es bringt einfach generell nicht viel, einen Trainer zu wechseln.

Inwiefern spielten finanzielle Gründe eine Rolle bei dem Absturz?

Schlünz: Die Finanzen spielten die größte Rolle. Wir haben schon über Jahre hinweg Schwierigkeiten, einen Hauptsponsor zu finden. Wir arbeiten mit ganz wenigen Möglichkeiten. Wenn man vor einer Saison sich nur ablösefreie Spieler leisten kann, dann kann man auch schon mal neidisch zu anderen Vereinen schauen. Das heißt aber noch lange nicht, dass wir die Zweite Liga nicht hätten halten können.

In der Dritten Liga sieht es zurzeit ganz gut aus. Wie sehen Sie die Chancen auf eine direkte Rückkehr in die Zweite Bundesliga?

Schlünz: Es ist in der Kürze der Zeit gut gelungen, eine zielstrebige Mannschaft zu formen, die zusammenhält und ein einheitliches Bild nach außen abgibt. Das ist allgemein der Schlüssel zu Erfolgen in Mannschaftssportarten. Ich glaube, dieser Zusammenhalt entsteht hier. Auf der anderen Seite haben wir nach wie vor einen schmalen Kader mit vielen jungen Spielern. Ich hoffe jedenfalls, dass Stefan Beinlich, der als Spieler schon zweimal aufgestiegen ist, das jetzt auch als Manager zusammen mit unserem Trainer Peter Vollmann schafft.

Sie sind jetzt Leiter des Nachwuchszentrums bei Hansa. Sehen wir Sie denn doch irgendwann einmal auf der Trainerbank wieder?

Schlünz: Das ist eine ganz gefährliche Frage. Man soll niemals nie sagen. Aber zurzeit fühle ich mich in meinem Bereich pudelwohl. Das macht mir Spaß, da kann man was bewegen. Da wird nicht alles nach zwei Niederlagen in Frage gestellt. Ich bin unheimlich stolz darauf, dass wir auch mit meiner Hilfe als erster ehemaliger DDR-Verein deutscher A-Jugend-Meister geworden sind.

Das Interview führte Tobias Wiltschek / Eurosport .

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