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08.04.2009 10:14 Uhr

Keine Zeit zum Heulen - Das neue Leben des René Rydlewicz

Früher als Fußballer, so erinnert sich René Rydlewicz, ging er mit der Waschtasche ins Stadion, trainierte, spielte, gab hier und da ein Interview und verschwand wieder in seiner Privatsphäre. So war das einst bei Energie Cottbus, dem BFC Dynamo, bei Bayer Leverkusen, dem TSV 1860 München oder bei Arminia Bielefeld. Mit jedem der letzten acht Jahre beim F.C. Hansa Rostock aber änderte sich das. Als gestandener Profi suchte sich Rydlewicz seinen Lebensmittelpunkt an der Ostsee und versuchte schon als Spieler, sich mit seinem Wissen und seinen Erfahrungen bei seinen Trainern und Managern hier und da – aber noch ganz intern – für den Verein einzubringen. Hansa war für den Blondschopf nicht mehr Durchgangsstation, sondern gewissermaßen eine Herzens-Angelegenheit.

Mittlerweile hat Rydlewicz die Wasch-Tasche gegen einen Time-Planer getauscht. Der Ex-Profi ist nun als Quereinsteiger im Management des Fußballs tätig. Aus dem einstigen Publikumsliebling „Rydle“ ist plötzlich der Herr Rydlewicz geworden. Im Sommer 2008 hat der Blondschopf seine Fußballschuhe an den Nagel gehängt und acht Monate als Spieler und Manager für den Sechstligisten FC Anker Wismar gearbeitet. Eigentlich hatte er dort ja für drei Jahre unterschrieben. Aber schon im Februar 2009 funkte Hansa SOS und bat seinen einstigen Fußballer, zurückzukommen. Seit März ist René Rydlewicz der neue Lizenzchef des F.C. Hansa Rostock und führt als Manager ein ganz neues Leben. Wir durften ihn in seinem ersten Arbeitsmonat beobachten.                                                                                

Nienhagen bei Rostock am Morgen eines Frühlingstages. Das Meer rauscht, die See glitzert, die Sonne strahlt. Im Gesicht des Managers spiegelt sich Vorfreude auf den kommenden Tag wieder. „Wenn ich morgens aus dem Haus gehe und zur Arbeit ins Stadion fahre, dann tue ich dies voller Tatendrang und Begeisterung. Du freust dich auf den Tag, du freust dich auf die Leute, die Spieler, Trainer, Kollegen, die dein Ziel haben, den Klassenerhalt.“

Dieser erste Tag der Woche beginnt wie immer. Der Manager kauft sich das Fachblatt und eine Boulevard-Zeitung. Beim Stadtbäcker blättert er die Seiten bei einem Brötchen und einem Kaffee durch. Später wird ihm der Pressesprecher noch den gesamten Pressespiegel auf den Tisch legen. Im Minutentakt klingelt das Telefon. Der neue Lizenzchef ist in diesen Tagen ein gefragter Gesprächspartner. René bemüht sich, für alle ein offenes Ohr zu haben. Rydlewicz ist authentisch, offen, ehrlich, konkret, konsequent. Es steht viel auf dem Spiel, der Klassenerhalt ist für ihn erste Managerpflicht. Er jammert nicht über die schlimme Situation und er will nicht, dass andere sich bei ihm ausheulen.

Rydlewicz vergleicht die Situation mit der Rekonstruktion eines Schiffes. In der Kogge müssen erst die Löcher gestopft werden, dann werden die Masten gestützt und die Segel gesetzt, peu à peu.

Der Mann hat einen Vorteil: Seine Karriere. Er hat für viele Klubs gearbeitet und kennt viele Leute, ob Reiner Calmund, Heribert Bruchhagen oder Karl-Heinz Wildmoser, ob Horst Heldt oder Pablo Thiam.

In der Regel fährt Rydlewicz gegen acht Uhr auf der Geschäftsstelle vor. Der einstige Publikums-Liebling gibt sich offen, schaut, guckt, trifft Entscheidungen.

Das Bild, Rydlewicz hinter dem Schreibtisch, ist noch ungewohnt. Sein Zimmer liegt in der 2. Etage, gegenüber sitzt der Vorstandschef Dirk Grabow und neben ihm sitzt Marketing-Vorstand Ralf Gawlack. Chefsekretärin Karin Heiden nennt er eine wichtige Vertrauensperson. Vom Arbeitszimmer beobachtet René, ob die Jungs aus den elf Nachwuchsteams unten auf dem Rasen das Glitzern in den Augen haben, den Spaß am Fußball zeigen. „Ohne Spaß geht gar nichts. Lust und Liebe, Engagement und Leidenschaft, Disziplin und Konsequenz sind die Fundamente für den Erfolg.“

Der Wechsel vom Rasen auf den Stuhl des Managers fordert einiges. Noch immer büffelt Rydlewicz die Dokumente von DFB und DFL. Aber spätestens, wenn die Trainer und Profis vor der Kabine der DKB-Arena vorfahren, ist er drüben im Stadion. Ganz nah an der Mannschaft.

Seine Philosophie: „Ob auf der Geschäftsstelle oder in der Kabine. Ich spiele hier nicht den Chef. Ich verlange Offenheit und Ehrlichkeit von mir und allen Partnern. Wir können uns hier alles an den Kopf knallen. Aber wenn wir aus dem Haus gehen, dann herrscht Klarheit.“

In den Worten steckt Leidenschaft. Rydlewicz sagt: „Meine neue Aufgabe war eine große Chance. So eine Chance kriegt man nicht, wenn alles in Ordnung ist. So eine Chance gibt es, wenn man nach neuen Wegen sucht. Also bin ich den neuen Pfad gegangen.“

In den acht Jahren als Spieler hat René Rydlewicz nicht nur Fußball gespielt. Er hat schon als Kicker seine eigenen Gedanken vorgetragen. „Mein Kopf ist voller Ideen. Aber erst einmal müssen wir mit Optimismus das Optimum aus der Situation herausholen. Plan A sieht den Klassenerhalt vor. Plan B liegt als Notvariante in der Schublade. Wir tun hier alles für den Erhalt der 2. Liga. Aber wir wären ja fahrlässig, wenn wir nicht auch den Ernstfall des Abstiegs ins Kalkül ziehen würden.“

In Zeiten, da Hansa in zehn Jahren neun Trainer hatte, sagt Rydlewicz: „Mir imponieren die Bundesligavereine, die für Kontinuität stehen. Ein Verein braucht eine klare Struktur und die beginnt schon im Scouting. Der Verein sichtet, ein Kompetenzteam verpflichtet. Ein neuer Trainer kann nicht zehn Spieler austauschen oder fünf neue Spieler mitbringen. Transfers müssen wieder besser sitzen.  Als Verein mit begrenzten finanziellen Mitteln dürfen wir uns da keine großen Fehler leisten.“

Die Folge: Ab sofort wird das Scouting in alle Himmelsrichtungen ausgeweitet. Ex-Hanseat Peter Wibran wird so zum Beispiel den Norden abdecken. Ein Ost-Europaexperte wird gerade gesucht. Was niemand weiß: Rydlewicz und Zachhuber sind mit ihren Vertrauten schon ausgeschwärmt, um potentielle Kandidaten persönlich unter die Lupe zu nehmen. „Ich verlasse mich nicht auf Spielerberater oder Videos.“

In der Trainerkabine sitzt Rydlewicz mit Zachhuber, Finck und Bräutigam zusammen. Es geht jetzt „nur“ um kurzzeitigen Erfolg und Schadensbegrenzung. „Hansa hat noch nie in der 3. Liga gespielt, weder vor noch nach der Wende. So soll das bleiben. Dafür brauchen wir Typen mit Herz und Verstand, Kerle mit Mumm. Die Jungs müssen zu sich und zum Teamgeist finden. Hier hat jeder seine Chance, er muss sie nur nutzen. Momentan braucht der Verein jeden.“

An diesem Tag schnürt Rydlewicz noch mal selbst die Töppen. Beim Fußballtennis gewinnt sein Team mit 4:0. Näher kann man nicht an seiner Mannschaft sein.

Danach geht es wieder in die Katakomben: Manager und Cheftrainer haben ihre Listen mit Ideen und Spielern in abendlichen Sitzungen zusammengebastelt, für die 2. und für die 3. Liga. Spieler wie Enrico Kern oder Kai Bülow sollen das Gerüst des Teams bilden, mehrere hoffnungsvolle Nachwuchsspieler sind gerade in Abstimmung mit Juri Schlünz an den Verein gebunden worden. In jedem Fall wird es im Sommer einen Schnitt geben.

Rydlewicz horcht in die Mannschaft hinein, beobachtet obendrein, wie bei einer Fahrt nach Hannover, die Gesamtsituation in der Amateur-Elf. Für die Bundesliga-Junioren blieb bei den vielen „Baustellen“ noch keine Zeit. Aber die kommt, bestimmt.

Als René an diesem Abend nach Hause kommt, geht die Sonne hinter Nienhagen schon unter. Rydlewicz schnappt sich seinen Golden Retriever „Monti“ und spaziert am Meer entlang. Kraft tanken für den nächsten Tag. Damit er wieder voller Freude zu Hansa gehen kann.

 

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