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27.10.2017 13:36 Uhr

Kreativgeist mit riesigem Potential - Interview mit Willi Evseev

Willi Evseev ist ein Spieler mit Seltenheitswert in der 3. Liga. Fintenreich und filigran am Ball, oftmals den berühmten „Tick“ zu schnell im Zweikampf, um durch den Gegenspieler vom Ball getrennt oder aber im Anschluss von den Beinen geholt zu werden und nicht zuletzt torgefährlich im Abschluss. Dennoch musste der Deutsch-Kasache in diesem Sommer, als er sich dem F.C. Hansa anschloss, als große Unbekannte in der Gleichung von Chef-Trainer Pavel Dotchev angesehen werden. Denn Willi absolvierte in den vergangenen drei Saisons nur 37 Pflichtspiele – dabei sammelte der heute 25-Jährige bereits Erfahrungen in der Bundesliga, sein großes fußballerisches Talent ist unbestritten. Im Interview erzählt er uns u.a. von seiner Zeit in Wolfsburg, familiären Wettstreiten und warum letztlich ein Testspiel im Januar 2013 dafür gesorgt hat, dass er heute für unsere Kogge aufläuft.

Hansa: Willi, du hast einen sehr erfolgreichen Start bei uns gehabt. Nach dem Auswärtssieg in Lotte wurdest du sogar direkt zum "Spieler des 1. Spieltags" gewählt - der Preis für die drei Punkte und den Titel war aber hoch: Ein Muskelfaserriss hat dich danach zum Zuschauen gezwungen. Wie schätzt du deine Anfangszeit bei uns ein?

Evseev: Ich bin teilweise zufrieden mit dem Start. Persönlich weiß ich, dass ich noch mehr kann. Der Zeitpunkt des Muskelfaserrisses war natürlich ungünstig, aber ich fühle mich fit und bin wieder gut reingekommen. Ich muss jetzt wieder in den Rhythmus kommen. Klar hätten wir mehr Punkte holen können, aber es war nicht alles schlecht bisher.

Hansa: Dein Ziel war es wieder regelmäßig zu spielen. Bis auf den Muskelfaserriss musstest du nie aussetzen, denn du bist sportlich gesetzt. Bist du zufrieden mit deiner Rolle und dem Vertrauen des Trainers?

Evseev: Na klar bin ich damit zufrieden, dass mir der Trainer das Vertrauen gibt und ich spüre auch, dass er noch mehr von mir erwartet – das tue ich aber auch. Wir brauchen noch etwas Zeit, um besser zusammenzuspielen. Die Ergebnisse dürfen bei der Entwicklung aber nicht auf der Strecke bleiben.

Hansa: Gab oder gibt es einen Gegner in der 3. Liga, auf den du dich mehr gefreut hast bzw. noch freust?

Evseev: Ich hatte mich sehr auf das Spiel in Magdeburg gefreut. Da ist es immer voll, die Stimmung ist stark und wenn Hansa kommt, ist es noch etwas spannender und emotionaler für die Fans. Ich war deshalb sehr froh darüber, dass ich nach meiner Verletzungspause rechtzeitig fit wurde und zumindest ein paar Minuten bei dem Spiel mitmachen konnte. Grundsätzlich spiele ich am liebsten dort, wo viele Zuschauer im Stadion sind.

Hansa:… also am liebsten bei uns im Ostseestadion?

Evseev: Genau!

Hansa: Wie war's für dich, nach dem Heimsieg gegen den VfR Aalen mit den eigenen Fans zu feiern?

Evseev: Das war sehr schön und emotional. Auch für mich war das ein tolles Gefühl. Man hat die Erleichterung in den Gesichtern der Fans und von unserem Team gesehen.

Hansa: Mittlerweile wohnt auch deine Freundin in Rostock. Fühlt ihr euch schon heimisch?

Evseev: Die Wohnung ist eingerichtet, ich habe mich in der Stadt orientiert, weiß wo alles ist und unser Tagesablauf ist geregelt – also ja: wir sind gut angekommen und uns gefällt's hier.

Hansa: Viele deiner Mitspieler schwärmen an dieser Stelle gerne von Warnemünde und der Ostsee. Was ist dir lieber? Strand oder Stadt?

Evseev: Warnemünde ist am Anfang natürlich sehr schön. Aber da der Sommer nicht so toll war – ich glaube man kann an einer Hand abzählen, wie oft es schön warm war - bin ich gar nicht so oft da gewesen. Klar, wenn Besuch vorbeikommt, fährt man mal an den Strand. Ich bin aber ehrlich gesagt auch gar nicht so oft in der Innenstadt. Ich bin eher der Haustyp, ruhe mich aus, schaue TV und mache was mit meiner Freundin.

Hansa: In Rostock hast du deinen Cousin Arthur Lemmer wiedergetroffen, der bei den Rostock Piranhas spielt. Wie oft seht ihr euch?

Evseev: Wir hören uns jeden zweiten Tag. Ich war bei jedem seiner Heimspiele live dabei, weil die Piranhas ja immer sonntags spielen. Nach den Spielen sehen wir uns dann. In der Woche ist es natürlich nicht so leicht, dass wir uns sehen, weil er ja auch arbeitet und trainiert. Ich trainiere vormittags, er eher abends. Aber Arthur versucht auch so viele Spiele wie möglich von mir zu sehen. Ich finde es schön, dass wir uns so oft sehen können.

Hansa: Angenommen wir machen einen Hansa-TV-Dreh mit dir und Arthur auf dem Eis: Wer gewinnt das Duell?

Evseev: Natürlich gewinnt Arthur, aber ich glaube ich wäre ein guter Gegner für ihn. Ich hätte große Lust darauf, mal wieder auf dem Eis zu stehen. Diesen Dreh können wir gerne in Angriff nehmen!

Hansa: Beim Eishockey wurdest du früher "Kampfschwein" genannt. Wo kommt der Spitzname her?

Evseev: Ich war damals nicht gerade ein Techniker oder Vorbereiter, sondern mehr der Kämpfer. Mir war es gar nicht bewusst, dass man sich beim Eishockey schnell verletzen kann. Ich fand es immer besser, hart in die Zweikämpfe zu gehen und die Gegner zu checken. Dann kam irgendwann der Spitzname Kampfschwein auf - allerdings finde ich ihn bis heute nicht so toll.

Hansa: Dein Eishockey-Spiel ist insofern erstaunlich, weil du auf dem Fußballplatz für das komplette Gegenteil stehst: nämlich einen filigranen Kreativgeist.

Evseev: Es fragen sich einige, wie das gekommen ist. Mein Onkel meinte, dass ich früher schnell ausgerastet bin und beim Spielen oft wütend war. Das hat sich im Alter zum Glück sehr verändert. Auch meine Art Fußball zu spielen, hat sich im Laufe der Zeit weiterentwickelt. Ich habe mir aber nichts bei einem speziellen Spieler abgeschaut, sondern eher bei mehreren, solange sie gut am Ball waren - das habe ich mir am liebsten angeguckt.

Hansa: In welchem Hobby außer Fußball bist du noch richtig gut?

Evseev: Ich bin in vielen Sportarten ganz gut. Tennis spiele ich zum Beispiel gerne und auch nicht schlecht. Ich habe es bisher aber leider noch nicht geschafft, gegen unseren Chef-Trainer zu spielen. Wir hatten uns nach meiner Verpflichtung mal darüber unterhalten und er sagte, dass er gut ist. Mich würde interessieren, wie gut.

Hansa: Ein anderes Hobby findet vor dem Fernseher statt: Fühlst du dich geschmeichelt, dass die Leute in den MediaMärkten in Rostock FIFA 18 mit dir auf dem Cover kaufen können?

Evseev: Vor ein paar Jahren habe ich mir das mal bildlich vorgestellt, dass es bestimmt total genial wäre, auf dem Cover zu sein. Jetzt ist es wahr geworden. Ich habe mich sehr darüber gefreut - aber ich habe mir es ehrlich gesagt noch nicht gekauft.

Hansa: Wie gut bist du?

Evseev: Ich mag das Spiel schon, aber ich muss mir noch viel Selbstvertrauen holen, um es irgendwann mit "Juli" oder "Josh" (Julian Riedel / Joshua Nadeau, Anm. d. Red.) aufnehmen zu können.

Hansa: In FIFA konnte man dich auch schon vorher anspielen, schließlich warst du für Wolfsburg und Nürnberg in der Bundesliga und der 2. Bundesliga aktiv. War die schwere Verletzung zu Beginn in Nürnberg der Grund dafür, dass du dort nie richtig in der ersten Mannschaft Fuß fassen konntest?

Evseev: Wenn man zurückschaut, war es auf jeden Fall so, dass mich die Verletzung sehr zurückgeworfen hat. Ich war ein Jahr lang komplett raus. Das Problem ist ja, dass ich genau wusste, dass ich gut genug für die Mannschaft war, ich konnte es nur nicht zeigen, weil ich durch die Verletzung beeinträchtigt war. Ich hatte kein Standing. Dazu kommt, dass Trainer in der 2. Bundesliga - und in Nürnberg ganz besonders - oftmals nicht sehr fest im Sattel sitzen und deshalb keine Experimente machen wollen. Deshalb hat häufig nicht unbedingt der bessere gespielt, aber der, der mehr im Saft steht oder über etwas mehr Erfahrung verfügt. Ich wollte allerdings kämpfen. Darum bin ich bis zum Sommer dort geblieben.

Hansa: Mit Valérien Ismaël hattest du eigentlich den perfekten Trainer für dich, schließlich habt ihr auch in Hannover und Wolfsburg zusammengearbeitet. Hattet ihr ein gutes Verhältnis?

Evseev: Wir hatten eigentlich ein sehr gutes Verhältnis, bis es in Nürnberg dann etwas schwieriger wurde, denn er stand dort sehr unter Druck. Valérien ist ein sehr ehrgeiziger Trainer. Wir haben während unserer gemeinsamen Zeit in Nürnberg leider nicht sehr viel miteinander gesprochen. Dann habe ich mich verletzt und er musste schließlich gehen.

Hansa: Neben Ismaël hast du auch unter Peter Stöger, Dieter Hecking und Andreas Bergmann, der vielen Hansa-Fans noch bekannt ist, trainiert. Wer hat dich am meisten gefordert, wer hat dir am meisten beigebracht?

Evseev: Dieter Hecking hat mir am meisten beigebracht. Er hat mich schon im Alter von 16 Jahren in Hannover gesehen und wollte mich damals schon hochholen, wurde dann aber in Hannover entlassen. In Wolfsburg sind wir dann wieder aufeinandergestoßen. Mir war sofort klar, dass ich bei ihm eine reelle Chance bekomme und das hier vielleicht sogar etwas mehr möglich ist. Unter ihm habe ich schließlich debütiert und gleich zwei Vorlagen gegeben. Vielleicht hätte ich bleiben sollen.

Hansa: Warst du enttäuscht, dass Dieter Hecking dich aus dem Profikader gestrichen hat, nachdem dein Wechsel zum 1. FC Nürnberg feststand?

Evseev: Na klar konnte ich das verstehen, er konnte mich ja schließlich nicht in die Planung für die nächste Saison einbauen. Ich hatte damals aber gedacht, dass der nächstlogische Schritt für mich nach Nürnberg geht, um dort noch häufiger im Profibereich zu spielen. Ich habe Dieter Hecking gegenüber mit offenen Karten gespielt und ihm meine Entscheidung selbst mitgeteilt. Natürlich war er sauer, weil er mich aufgebaut hat. Aber wir sind uns heute nicht mehr böse.

Hansa: In Wolfsburg hast du in wenigen Spielminuten bleibenden Eindruck hinterlassen. Denkst du noch manchmal an deine Torvorbereitungen zurück?

Evseev: Das sind schöne Erinnerungen, aber von Jahr zu Jahr schwächt sich dieses Gefühl ab, das man damals hatte. Die Statistik liest sich aber natürlich nicht so schlecht.

Hansa: Welcher Spieler hat dich am meisten geprägt? Vor dem Fernseher und als Mitspieler?

Evseev: Die Zeit in Wolfsburg war definitiv am lehrreichsten. Bei Hannover war ich zwar auch bei den Profis dabei, aber der qualitative Unterschied zu den Spielern des VfL war spürbar. In Hannover waren viele Profis auf einem ähnlichen Level, weshalb der Konkurrenzkampf noch größer war. Dadurch hat jeder um seinen Platz im Team gefürchtet und dementsprechend hart in den Einheiten zugelangt. Kommt dann ein Tunnel von einem jungen Spieler, wird man direkt umgegrätscht und attackiert. In Wolfsburg war das anders. Da waren Stars wie Ivan Perisic, Diego, Naldo, Luiz Gustavo. Wenn man diese Spieler getunnelt hat, dann wurde zusammen darüber gelacht. Man wurde eher gefördert, wenn man zeigen konnte, dass man nicht schlecht ist. Ich fand das bemerkenswert. Es ging einfach um Fußball.

Hansa: Die mit Abstand längste Zeit hast du in Hannover verbracht. Fühlst du dich immer noch mit dem Verein verbunden?

Evseev: Natürlich. Sehr guten Kontakt habe ich noch zu meinem ehemaligen Jugend-Trainer Rainer Graf, der heute Jugendchefscout bei 96 ist. Er war auch vor kurzem bei uns im Ostseestadion, um ein Spiel von mir zu sehen. Mit ihm pflege ich noch ein sehr enges Verhältnis, weil er mich damals in der U15 total gefördert und unterstützt hat. Der Kontakt ist nie abgebrochen - er ist ein super Mensch. Hannover bleibt für mich natürlich etwas Besonderes. Ich schaue noch regelmäßig darauf, was der Verein macht.

Hansa: Warum hast du dich in diesem Sommer für uns entschieden?

Evseev: Dazu muss ich länger ausholen. Bis zum Frühjahr 2017 war Hansa eigentlich gar keine Option für mich, weil der Verein damals noch kein Interesse signalisiert hatte. Wenn man weiß, dass der Vertrag ausläuft, nimmt der Druck natürlich zu und man hört sich Angebote an. Da ich in Nürnberg aber nicht sehr viel gespielt habe, war die Anzahl an Angeboten überschaubar. Dann habe ich gelesen, dass Pavel Dotchev Trainer bei Hansa wird und ich dachte mir einfach nur: „Bitte erinnere dich an die alten Zeiten.“ Und dann hat er tatsächlich meinen Berater kontaktiert. Als ich dann alles hier gesehen habe, war mir klar, dass ich unbedingt her möchte. Es gibt in der 3. Liga keinen attraktiveren Verein als den FCH. Ich war unglaublich dankbar dafür, dass ich eine Chance von Hansa bekommen habe. Ich wollte einfach wieder spielen. Das darf ich jetzt - und dann auch noch vor so vielen Zuschauern! Mir hätte nichts besseres im Sommer passieren können!
(Vorgeschichte: Am 19. Januar 2013 kam Hannover 96 II in einem Testspiel beim SC Preußen Münster mit 0:5 unter die Räder. Der einzige Lichtblick im Team von Ex-Profi Valérien Ismaël: Willi Evseev. Der Trainer des damaligen Gastgebers: Pavel Dotchev)

Hansa: Schön, dass du bei uns bist, Willi! Danke fürs Gespräch.

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