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09.05.2008 09:28 Uhr

Nach 30 Jahren ist für „Paule“ Schluss

Mit sechs Jahren brachten die Eltern von Stefan Beinlich ihren Sohn zum BFC Dynamo. 30 Jahre danach beendet der mittlerweile 36jährige Kapitän des F.C. Hansa mit der Bundesliga-Saison 2007/2008 seine Karriere. Als Amateur spielte er für die Berliner Vereine BFC und Bergmann-Borsig. Drei Jahre kickte er auf der Insel für Aston Villa. Als Profi war er in der Bundesliga und 2. Liga für den F.C. Hansa, für Bayer Leverkusen, für Hertha BSC und für den Hamburger SV aktiv. In Zahlen sind das fünf Länderspiele für Deutschland, 14 Jahre Fußball auf höchstem Niveau zwischen Rostock und Leverkusen, 288 Bundesliga-Spiele und 56 Tore, 62 Zweitliga-Spiele und 16 Treffer. Sein Arbeitsnachweis in England: In Birmingham war er von Oktober 1991 bis 1994 bei 16 Spielen (ein Tor) in der Premier-League sowie jede Woche im Reserveteam von Aston Villa im Einsatz.

Am 30. Juni 2008 endet Beinlichs letzter Zweijahresvertrag mit dem F.C. Hansa.

Was bedeutet Ihnen der Fußball am Ende Ihrer Karriere?

Stefan Beinlich: Der Fußball war bislang mein Leben. Der Fußball wird immer mein Leben bleiben. Wer kann schon sein Hobby zum Beruf machen.

Wem haben Sie Ihre Karriere besonders zu verdanken?

Stefan Beinlich: In meiner Kindheit zweifelsfrei meinen Eltern, in der Jugend meiner heutigen Frau Katrin, die mich seit meinem 17. Lebensjahr bis heute stets auf all meinen Stationen begleitete. Danach wurde Jörg Neubauer vom Berater zum guten Freund. Im „Alter“ hat besonders mein Vertrauensarzt Dr. Frank Bartel meinen Weg entscheidend geprägt. Ich möchte da aber auch meine ersten Übungsleiter Horst Stemmler und Helmut Koch beim BFC sowie Trainer Jörg Penkuhn bei Bergmann-Borsig sowie alle meine Trainer in der Bundesliga bis hin zu Frank Pagelsdorf nicht vergessen.

Frank Pagelsdorf war Ihr erster Trainer in Rostock?

Stefan Beinlich: Richtig. Als ich 1994 von Aston Villa gemeinsam mit Matthias Breutkreutz an die Küste kam, begann Frank Pagelsdorf hier in Rostock etwas aufzubauen. Wir sind nach einem Jahr in der 2. Liga überraschend aufgestiegen und der Trainer hat mich damals in meinem letzten Hansa-Jahr zum Kapitän gemacht, ehe ich schließlich zu Bayer Leverkusen ging.

Apropos Leverkusen. Das war 1995 Ihr erster Bundesliga-Gegner?

Stefan Beinlich: Erinnern Sie mich nicht daran. Es war für mich ein Katastrophen-Spiel. Die Truppe um Bernd Schuster gewann damals bei uns in Rostock 2:1 und ich war verdammt schlecht…

Nun geht es im letzten Heimspiel der Saison wieder gegen Bayer…

Stefan Beinlich: Stimmt. Da schließt sich irgendwie der Kreis.

Frank Pagelsdorf bestimmte nicht nur das Frühjahr Ihrer Karriere, sondern auch den Herbst Ihrer Laufbahn?

Stefan Beinlich: Genau. Als klar war, dass ich kein Gnadenbrot in Hamburg wollte, haben wir in Rostock angefragt, ob ich Hansa im Kampf um die Rückkehr in die Bundesliga helfen könnte. Ursprünglich hieß es damals, man wolle eigentlich weiter den Weg der Jugend gehen…

Aber…

Stefan Beinlich: Dann habe ich eine Woche später den Trainer angerufen und mich anschließend auf einen Kaffee mit ihm in seiner Wohnung getroffen. Da haben wir dann doch ein gemeinsames Ziel gefunden – und sind wie einst 1995 schließlich 2007 ein zweites Mal gemeinsam aufgestiegen.

Man sagt, Sie und Frank Pagelsdorf hätten sogar ein Vertrauensverhältnis wie es noch keines zwischen dem Trainer und einem seiner Spieler gegeben hat?

Stefan Beinlich: Das kann ich nicht beurteilen. Ich kann nur so viel sagen: Wir haben schon viele Stunden und viele Dinge diskutiert.

Ist der Abschied als Profi ein Abschied in Trauer?

Stefan Beinlich: Ich kann es noch nicht beschreiben, ich werde es fühlen müssen. Ich weiß nicht, in welcher Stimmungslage ich sein werde. Klar wird es Emotionen geben. Aber ich habe mich lange genug auf den Winter meiner Karriere vorbereitet und ich weiß: Hansa war, ist und wird immer etwas Besonderes in meinem Leben sein. Ich bin zwar in Berlin geboren, nach Leverkusen, Berlin und Hamburg gewechselt, aber mein Herz gehörte immer meiner Familie und dem F.C. Hansa.

Sie waren oft verletzt, waren physisch und psychisch am Boden.  Hatten Sie manchmal Existenzängste?

Stefan Beinlich: Tatsache ist, in jedem Klub wo ich war, hatte ich tatsächlich eine schwere Verletzung. Eine Morton-Anomalie im linken Fuß (bei Hertha), eine Knieverletzung (in Leverkusen), eine Schambein-Entzündung inklusive Operation (beim HSV) und zuletzt der Zusammenprall mit dem Duisburger Mihai Taharache am 8. März 2008  in Duisburg  und die folgenden Knie-Operation waren allesamt Verletzungen, die meine Karriere beeinflussten. Aber ich hatte das Glück, mit Dr. Frank Bartel in all den 14 Jahren einen Vertrauensarzt zu haben, der mir immer zur Seite stand, egal wo ich spielte. Oft hat er gesagt, ich kriege das hin Paule, aber ich weiß nicht, wie lange wir brauchen. In jener Zeit bin ich oft die Autobahn von Berlin, Leverkusen und Hamburg nach Rostock hoch und runter gedüst. Aber auch meine Eltern, meine Frau, meine Freunde und mein Berater gaben mir immer wieder Halt, alles ins richtige Lot zu bringen.

Ihre Frau war Leichtathletin, begleitete Sie bis heute 18 Jahre lang auf alle Fußball-Plätze. Mit ihr haben Sie drei Kinder. Welche Rolle spielt die Familie für Sie?

Stefan Beinlich: Sie ist der größte Halt im Leben. Sie bedeutet mir alles. Es gibt nichts Wichtigeres. Einmal war ich in den neunziger Jahren beim Hallenmasters und einer unserer Zwillinge wurde krank. Da habe ich Christoph Daum gebeten, nach Hause fahren zu dürfen. Als unsere Kira ins Krankenhaus musste, da habe ich  meinen damaligen Trainer Thomas Doll mitten im Training  nur in die Augen geschaut und der wusste, was zu tun war: Paule, hau schnell ab…

Was bedeutete Ihnen der Fußball?

Stefan: Ich war immer Fußballer mit Leib und Seele. Ich hatte das Glück, mein Hobby zum Beruf machen zu können. Und ein besonderes Glück war es für mich, dass man in diesem Job auch noch gutes Geld verdienen konnte. Aber ich habe in erster Linie immer aus Spaß am Fußball auf dem Rasen gestanden, wollte spielen und nochmals spielen. Das Geld kam immer an zweiter Stelle.

Was waren denn die Highlights Ihrer Karriere?

Stefan Beinlich: Ich habe fünf Länderspiele für Deutschland gemacht! Die Aufstiege mit Hansa waren sehr emotional. Mit Hertha und dem HSV bin ich Ligapokalsieger geworden. Mit Leverkusen habe ich in der Champions League gespielt. Ich bin aber auch stolz darauf, in der Bundesliga sowie in der 2. Liga nie vom Platz gestellt worden zu sein. Nur in der Champions League musste ich nach einer Gelb-Roten Karte mal vorzeitig duschen…

Wo lagen die Defizite?

Stefan Beinlich: Ich wäre gerne mal Meister oder Pokalsieger geworden.

Die größte Entäuschung?

Stefan Beinlich: Die verpasste Meisterschaft in Unterhaching…

Und…

Stefan Beinlich: Kurz nach meinem Geburtstag in der Saison 1987/1988 wurden meine Eltern und ich nach einer medizinischen Untersuchung beim BFC Dynamo ins Berliner Sportforum bestellt. Ein Kardiologe eröffnete unserer Familie, ich hätte Herz- Rhythmusstörungen. In jener Zeit schoss ich um 10 cm in die Höhe. Von heute auf morgen sprachen die Ärzte dem Straßenfußballer ein Fußball-Verbot aus. Für mich ging damals die Welt unter.

Die Folge?

Stefan Beinlich: Ich bekam für ein Jahr ein Fußballverbot, durfte aber einmal die Woche Volleyball im Verein meines Vaters spielen und konnte immerhin noch an der  Kinder – und Jugendsportschule von Dynamo die 10. Klasse beenden. Aber statt Fußballer wurde ich Elektriker…

Und wie ging die Sache mit dem Herzen aus?

Stefan Beinlich: Um vier Ecken habe ich später erfahren, dass meine eigentliche ‚Krankheit’ bei Dynamo eine Großtante von mir in Hamburg war…

Im März hatten Sie sich nach einigen Wehwehchen mit viel Mühe noch einmal in die Mannschaft gekämpft und dann kam dieser Crash mit Mihai Tararache. Wussten Sie in diesem Moment, jetzt ist die Karriere aus?

Stefan Beinlich: Als ich vom Platz ging, merkte ich, dass das keine kleine Bänderdehnung ist, sondern dass da was kaputt ist. Aber die Schwere der Verletzung stellte sich erst am Tag danach raus.

Sie werden in der kommenden Saison in die Vereinsarbeit eingebunden. Welche Vorstellungen haben Sie da?

Stefan Beinlich: Dies wird noch zu definieren sein. Klar ist nur, ich habe vom Fußball viel bekommen. Jetzt möchte ich dem Verein einiges zurückgeben. Ich habe schon viele Gedanken im Kopf…

Wie würden Sie selbst die Bedeutung des F.C. Hansa für Sie definieren?

Stefan Beinlich: Ich bin zwar Berliner, ich habe auch für Leverkusen, Hertha und Hamburg gespielt. Aber Hansa war auch in dieser Zeit immer etwas Besonderes für mich und ist es bis heute geblieben. Ich bin gerade aus der City an den Stadtrand von Rostock gezogen und habe hier meine Zelte für die Zukunft aufgeschlagen. Das sagt ja schon alles.

Mit welcher Bilanz gehen Sie aus dem Stadion?

Stefan Beinlich: Der Mannschaftssport hat mich geprägt. Ich habe gelernt, mich einzuordnen, ohne mich unterzuordnen. Ich bin dankbar, dass ich in tollen Stadien spielen durfte, viele Charaktere und Vereine erlebt habe. Ich hoffe, diese Erlebnisse und Kontakte aus den letzten 14 Jahren werden mir auch in Zukunft helfen, neben dem Platz genauso meinen Weg zu gehen, wie mir das auf dem Rasen gelungen ist.

Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für die neuen Aufgaben im Verein.

 

Stefan Beinlich und seine Superlative

Mein bestes Spiel: Es gab zu viele davon…

Mein Lieblingstrainer: War Helmut Koch beim BFC Dynamo.

Mein schlimmster Trainer: Kein Kommentar

Der beste Torwart in meiner Karriere-Zeit: War Oliver Kahn von Bayern München

Mein Lieblings-Mitspieler war: Sebastian Reinhardt (HSV)

Mein schönstes Eigentor: Gab es nicht

Lieblings-Gegner: Gegen den HSV habe ich fast immer getroffen

Lieblingsfeind: Ich habe keine Feinde
Schnellstes Tor: Gegen Stuttgart habe ich mal nach 12 Minuten getroffen

Mein schlechtestes Spiel: War mein erstes Bundesligaspiel und eine Begegnung mit dem HSV gegen Wolfsburg (1:5)

Mein schönstes Tor: War ein Treffer für Hansa in Koblenz in der 2. Liga und mein einziges Tor  in der Premier League gegen Newcastle (1:5)

Feldverweise: Gab es in der Bundesliga und 2. Liga nicht. Aber in der Champions League flog ich mal mit Gelb-Rot vom Platz

Bundesligaspiele: 288

Bundesliga-Tore: 56

Bundesliga-Assists: 41

Gelbe Karten in der Bundesliga: 53

Wichtigstes Tor: Gegen Udine

Dramatischste Spiele: Mit Hansa das 4:4 gegen Karlsruhe. Mit dem HSV das 1:0 in Kopenhagen, das uns in den UEFA-Cup brachte

Einsätze Zweite Liga: 62 Spiele

Tore 2. Liga: 16

Assists 2. Liga: 5

Gelbe Karten: 14

 

 

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