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08.08.2017 08:00 Uhr

RÜCKPASS: HANSA-GESCHICHTE(n): Regisseur für großes Fußball-Kino

Heute feiert einer der erfolgreichsten und somit besten Hansa-Spieler aller Zeiten runden Geburtstag. Rainer Jarohs wird 60.

Es ist der 3. März 1979 und der Katastrophenwinter mit seinen apokalyptischen Ausmaßen (klirrende Kälte, meterhohe Schneemassen) endlich vorbei. Die DDR-Oberliga bestreitet ihren 16. Spieltag auf durchweg unzumutbaren, weil tief morastigen Plätzen. Dennoch kommt attraktiver Fußball zustande. Im Leipziger Zentralstadion inszenieren Lok und der F.C. Hansa sogar ein Spektakel, an dessen Ende ein Resultat, so selten wie die Blaue Mauritius, steht: 5:5. Hansa führt schon 2:0, kriegt binnen einer Minute den Ausgleich, führt wieder, liegt dann zweimal zurück, trifft per Strafstoß zum Endstand. Inmitten dieser Turbulenzen avanciert Rainer Jarohs zum mit Abstand besten Mann auf dem Platz: An vier Treffern beteiligt, zwei Tore selbst geschossen, die Lok-Abwehr permanent in helle Aufregung versetzt. Die einstigen Auswahl-Asse Jürgen „Dackel“ Heinsch (Hansa-Trainer) und Jürgen „Kuppe“ Nöldner (Sportjournalist) sind sich einig: „Rainer Jarohs spielte hervorragend!“

Es ist der 10. September 1975 und der gerade 18-jährige Jarohs, der beim Klub schon eine Dekade Torjägerlaufbahn hinter sich hat, debütiert bei den Männern in der DDR-Liga. Vier Einsätze und beim 6:0 gegen Einheit Güstrow gleich mal dreifacher Torschütze. In der Oberligaaufstiegsrunde ist er mit sechs Treffern das Maß aller Dinge. In Jarohs‘ Laufbahn sind vier Tingeltouren durch die Liga archiviert und mit ihm der Alptraum vieler Vereine: 90 Tore in 103 Spielen.

Es ist der 25. September 1976. Jarohs spielt Oberliga und trifft zum ersten Mal in der höchsten Spielklasse. In Halle rauscht er an den HFC-Idolen Meinert und Bransch vorbei und überlistet Torhüter Pahl mit einem Heber zum 2:0 (Endstand 3:1). Einen knappen Monat später jagt er mit Schmackes in Dresden dem Dynamo-Keeper Claus Boden einen Freistoß in die kurze Ecke… Der junge Mann arbeitet eifrig an seinem Format. Er ist nicht der Schnellste, dafür trickreich und mit einer akkuraten Schusstechnik ausgestattet. Bei einem Jarohs in Hochform kriegen die Abwehr-Kanthölzer des DDR-Fußballs schnell mal gedrechselte Beine.

Es ist der 14. April 1982 und Jarohs debütiert in Leipzig gegen den späteren Weltmeister Italien (1:0) in der Nationalmannschaft. Zwei weitere Einsätze folgen. Rainer Jarohs trifft beim 2:2 in Halmstad gegen Schweden und Rundfunkreporter Wolfgang Hempel sieht „das Tor eines technisch starken Spielers“. Jarohs kommt zu den Auswahlberufungen nicht wie die Jungfrau zum Kind, sondern sie sind das Resultat außergewöhnlicher Leistungen beim F.C. Hansa. Die  Fußballfachzeitschrift fuwo setzt in ihrer Bestenliste 1982 Jarohs an die Spitze aller Oberliga-Mittelstürmer.

Es ist der 27. August 1983 und Rainer Jarohs wird am 3. Spieltag der Saison in Riesa des Feldes verwiesen. Die Hansa-Funktionäre sind erbost und verkünden fast staatstragend eine halbjährige (!) Sperre für den Spieler. Sogar ein Rausschmiss wird ernsthaft erwogen. Letztlich endet dieses unsägliche Kapitel wie das Hornberger Schießen, denn Jarohs steht vier Spieltage später wieder auf dem Rasen.  Dennoch bleibt die Serie für ihn vermaledeit. Nur fünf Tore in der Meisterschaft sind bei seinen Qualitäten einfach zu wenig.

Es ist der 3. Mai 1986 und der F.C. Hansa nach einem fürchterlichen 0:4 in Riesa zum fünften Mal in seiner Geschichte abgestiegen. Ein kollektives Desaster, an dem Jarohs leistungsmäßig allenfalls eine Mini-Mitschuld trägt. Den Wechsel zu einem anderen Verein (Union Berlin) verweigern ihm die Hansa-Bosse und zeigen stattdessen eine ganz andere Perspektive auf: NVA-Ehrendienst. Na, wenn das so ist…Jarohs bleibt auf der Kogge, schippert mit ihr souverän durch die Liga (28 Treffer), ankert in der Oberliga, heuert auf Platz 9 an und sorgt dabei als Regisseur für großes Fußball-Kino. Beim 6:0 gegen den FC Vorwärts Frankfurt/Oder am 22. April 1988 spielt er hängenden Mittelstürmer wie einst Hidegkuti: Statt sich beinhart die Knochen polieren zu lassen weicht Jarohs nach hinten aus und schickt mit exakten Pässen seine jungen Dränger Kruse und Röhrich auf Reisen. Die profitieren von der taktischen Schläue ihres Kapitäns mit je zwei Treffern. Eine Jarohs-Studie par excellence!

Es ist der 13. August 1988 und Saisonauftakt. Hansa-Trainer Werner Voigt setzt auf die jungen Wilden. Dem Routinier Jarohs weist er die Reservebank zu. Kein Zweifel, das Ende einer großen Karriere naht. Aber so? Hansa holt mit dem vierten Rang die beste Platzierung seit 20 Jahren, die EC-Teilnahme obendrein – Jarohs‘ Anteil daran ist überschaubar. Er volontiert nebenher schon im Rundfunk. Die Nägel für die Töppen sind quasi in die Wand geschlagen. Da biegt im Sommer 1989 Gevatter Zufall um die Ecke. Beim IFC-Cupspiel in Kopenhagen bleibt Axel Kruse in der dänischen Hauptstadt und kehrt nicht mehr mit Hansa zurück. So kurz vor dem Saisonstart hat der Verein ein Problem, nämlich mit Weichert, Röhrich und Fuchs nur noch drei Stürmer. Jarohs??? „Nein!“, sagt Werner Voigt. „Doch!“, entgegnet Hansa-Präses Robert Pischke. Statt zur Verabschiedung am 12. August 1989 steht Jarohs als Aktiver auf dem Rasen. Es folgt eine Saison als stilvolle Renaissance: Jarohs schießt acht Tore, wird einmal mehr bester Hansa-Schütze. Am 26. Mai 1990 verabschiedet er sich beim 4:1 gegen Rot-Weiß Erfurt standesgemäß mit einem Treffer. Eine große Fußballerkarriere mit 166 Toren (Hansa-Rekord!) in 392 Spielen geht zu Ende. Rainer Jarohs wechselt zum Radio und startet beim NDR eine neue erfolgreiche Laufbahn als Journalist.

Es ist der 8. August 2017. Rainer Jarohs feiert 60. Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch!   

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