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23.10.2016 09:00 Uhr

RÜCKPASS: HANSA-GESCHICHTE(n): Vom Dorflümmel zur Weltklasse

Heute feiert Gerd Kische den 65. Geburtstag. Ein Mann, der im DDR-Fußball viele und vieles bewegte…

Die einen sagten so, die anderen so: Gerd Kische nannte es „Künstlerpech“, Rundfunkreporter Wolfgang Hempel fand es schlicht „skurril“. Gemeint war das einzige Selbsttor, das Kische in seiner Laufbahn erzielte. Ausgerechnet in seinem 50. Auswahleinsatz traf er am 15. November 1978 beim EM-Qualifikationsspiel in Rotterdam gegen die Niederlande (0:3) zur frühen Führung der „Oranje“. Ein Kopfball von Brandts sprang dem Rostocker ans Schienbein und von dort, am überraschten Torhüter Croy vorbei, ins Eck. „Croy konnte meine Rückgabe nicht halten“, witzelt Kische heute noch. Will heißen: Ein Malheur dieser Art hatte ihn nie aus der Bahn geworfen…

Apropos Bahn: Der Ur-Mecklenburger Kische („der Blitz von Teterow“) zog bei der BSG Post Neubrandenburg seine Furchen, die zielgenau zur DDR-Juniorenauswahl führten. Er gewann mit der Mannschaft im Sommer 1970 in Schottland das 23. UEFA-Turnier per Losentscheid gegen die Niederlande. Der einzige Spieler im Team um die Jakubowski, Fritsche, Häfner oder Müller, der (noch) bei keinem Oberligaklub unter Vertrag stand, hieß Kische. Aber seine Delegierung zu den Hanseaten war da längst in Sack und Tüten. „Ich kam als Dorflümmel“, zeigte sich Kische damals wie heute unbekümmert.

Apropos unbekümmert: Dem jungen Kische eilte bereits früh der Ruf voraus ein scheinbar abnormales Tempo mit körperlicher Wucht vereinbaren zu können. Noch Jahrzehnte später schwärmte der frühere DDR-Athletiktrainer Paul Dern über Kisches schneidige Forsche. Die spülte ihn durch Trainer Horst Saß prompt in die Hansa-Startelf am 22. August 1970 zum Saisonauftakt gegen Wismut Aue (0:1). Ein überraschend schnelles Debüt für den noch 18-Jährigen.

Apropos überraschend: „Pack deine Sachen, du kommst mit“, erklärte Auswahltrainer Georg Buschner („der Graf“) dem Rostocker lapidar, als Kische im Trainingslager der Nationalmannschaft an den Jenaer Kernbergen weilte. Kisches Abenteuer 1971 hieß Mexiko, das erste Länderspiel inklusive. Buschner war von dem selbstbewussten Burschen überzeugt: Mochte der auch technische Schwächen haben, doch das von ihm veranschlagte Tempo besaß im DDR-Fußball jener Zeit kein Zweiter! Insgesamt 63 Länderspiele absolvierte Kische, der sowohl bei der WM 1974 als auch beim Olympiasieg 1976 dabei war. Unglaublich aber wahr: Selbst zu Hansas DDR-Ligazeiten (drei Saisons) gehörte Kische zum Stammkader der Auswahl. Buschner wusste, dass es nur einen geben konnte, der Europas beste stürmische Windhunde einfangen konnte. Kische holte sich selbstbewusst das Attribut eines Auswahlverteidigers mit Spitzenformat ab. Weltklasse!

Apropos selbstbewusst: Kische umgab stets der Hauch (Sturm?) von Lässigkeit. Manch einer zieh ihn der Arroganz. Umstritten auch wegen seiner Unbequemlichkeit. Ein Alphatier mit Meinung – das brachte unweigerlich die Neider, die Fallensteller auf den Plan. Im Unterholz schmiedeten SED-Funktionäre und Staatssicherheit eifrig an der Intrige.  Den stolzen Gerd Kische wollten sie fallen sehen. Der stolperte prompt über private Eskapaden. Im Frühjahr 1981 war seine Auswahllaufbahn bereits zu Ende, sein Valet im Klub ereilte ihn am 30. Mai 1981 nach dem 1:3 gegen Zwickau. Die große Karriere eines verdienstvollen Spielers wurde fremdbestimmt zunichte gemacht – ein Umstand, an dem seinerzeit auch der F.C. Hansa maßgeblich beteiligt war. Jahrelang blieb Kische beim Verein ein nicht gern gesehener Gast. Trotzdem war der Anfang der 1990er-Jahre wieder da und fungierte geraume Zeit als Präsident und Manager in verantwortungsvollen Positionen.

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