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17.12.2007 15:17 Uhr

„Sani“ und „Addy“: Zwei Hansa-Talente aus dem Kongo

Die Namen in ihren Pässen sind fast so lang wie Bandwürmer: Assani Lukimya-Mulongoti (21)  und Ardiles-Waku Menga (23). Für ihre Kollegen beim F.C. Hansa Rostock sind die beiden Afrikaner nur „Sani“ und „Addy“. Zwei Hanseaten aus dem Kongo.
Kongo?
Die Demokratische Republik Kongo war bis 1960 Belgisch-Kongo. Von 1971 bis 1997 dann Zaire.

Die DR Kongo liegt in Zentralafrika auf dem Äquator und zählt mehr als 61 Millionen Einwohner. Zum Vergleich: Das Gebiet der DR Kongo umfasst als drittgrößter Staat Afrikas 2.345.411 km², ist damit immerhin 6,6-mal so groß wie Deutschland und bevölkerungsmäßig der viertgrößte Staat auf dem schwarzen Kontinent.
Der großgewachsene Assani Lukimya-Mulongoti stammt aus Uvira. Das ist eine Stadt am Nordufer des  Tanganjikasees in der Provinz Sudkivu. Sie hat ca. 170.422 Einwohner.
Ardiles-Waku Menga unterdessen kommt aus der Hauptstadt Kinshasa, die über 8,1 Millionen Einwohner hat und damit hinter Kairo und Lagos die drittgrößte Metropolregion Afrikas ist.
Die Karrieren von „Sani“ und „Addy“ sind die bewegenden Geschichten von afrikanischen Auswanderer-Eltern und deren Kindern.
Da ist Assani Lukimya-Mulongoti. „Sani“ erzählt zunächst über seinen Namen: „Das ist ein Doppelname. Mulongoti ist der Name meiner Stiefmutter. Lukimya reicht aber völlig. So steht es ja auch auf dem Trikot.“

Als Assani Lukimya-Mulongoti acht Jahre alt war, nahm ihn sein Vater Assani Senior, ein Profi-Musiker, mit nach Europa.
Sani: „Ich komme aus armen Verhältnissen. Das Leben war zu Hause immer ein Überlebenskampf. Meine Familie und ich haben diesen Kampf gewonnen und das hilft mir bis heute, weil es mich stark gemacht hat.“
Assani wuchs ab dem achten Lebensjahr in der deutschen Hauptstadt auf: „Mit Vaters Lebensgefährtin Charity und meinem Stiefbruder. Meine Schwester Eivy lebt heute noch in Afrika.“
Seine leibliche Mutter Leonie lebt unterdessen immer noch in Afrika. Assani: „Ich habe sie seit 13 Jahren nicht mehr gesehen. Wir telefonieren viel. Vielleicht fahre ich nächstes Jahr mal zu ihr.“

Auch seine Freundin Katinka (20) sieht er selten. „Sie studiert in Berlin Sportwissenschaften und kommt nur am Wochenende. Ich hätte sie ja schon ganz hergeholt, aber ich habe bisher nur einen Vertrag bis zum Saisonende.“
Der gebürtige Kongolese Assani Lukimya-Mulongoti kam im Sommer gemeinsam mit dem Berliner Leon Binder zunächst als Perspektivspieler von Hertha BSC zu Hansa. Der Modellathlet absolvierte bis dahin 54 Regionalligaspiele und schoss dabei zwei Tore. Er ist ein „Rechtsfuß“ und ein Defensiv-Allrounder. Der Abwehrspieler, der auch im defensiven Mittelfeld spielen kann, begann beim SV Norden Nordwest 98 in Berlin mit dem Fußballspielen. Anschließend wechselte er in die Jugend des SV Tasmania Gropiusstadt, wo er bis 2004 blieb. Von hier ging er zu Hertha BSC. In seiner ersten Saison spielte der Afrikaner  meist in der U19 des Vereins, bestritt lediglich ein Spiel in der 3. Liga. Zur Saison 2005/06 stieg er dann als Stammspieler  in die zweite Mannschaft auf. 2006/2007 absolvierte Assani bereits 21 Partien; seit 2006/07 ist Lukimya-Mulongoti Stammspieler gewesen.

Aber Assani schien in Berlin auf der Stelle zu treten. „Manchmal ist es gut, einen Schritt zurück zu machen, um auf seinem Weg einen Schritt vorwärts zu kommen. Ich habe bei Hertha drei Jahre gespielt und ich denke, dass ich mich gut entwickelt habe. Aber Hertha hat sehr viele Talente und ich sollte noch ein Jahr auf einen Profivertrag warten, weiter bei den Amateuren spielen. Deshalb suchte ich suchte etwas Neues. Ich habe mich für Rostock entschieden.“
Es war die Perspektive in Rostock, die den Berliner aus Afrika reizte. Lukimya-Mulongoti: „Es geht bei Hansa wie in einer Familie zu. Bei Hertha war alles größer, gewaltiger. Ich sehe, was seit zwei Jahren hier passiert. Junge Spieler bekommen hier wirklich eine Chance. Hansa ist von unten nach oben durchlässiger als Hertha. Diese Struktur gefällt mir und ich möchte mich hier durchsetzen. Bislang habe ich alles richtig gemacht. Ich war kaum hier, da durfte ich schon mit zum DFB-Pokalspiel. Dann war ich am 9. Spieltag unter den 20 Spielern, die nach Wolfsburg fuhren und kam in der Partie drei Minuten zum Einsatz. Ich trainiere jeden Tag mit dem Bundesliga-Kader. Das bringt mir etwas.“

Der Trainer lobt: Stark in der Luft, Übersicht am Boden, abgebrüht. Frank Pagelsdorf: „Auch bei unseren Sprintwerten ist er ganz vorne dabei. Er bietet sich an, wird eine Alternative für unsere Abwehr.“

Sein Landsmann Ardiles-Waku Menga ist schon zwei Jahre älter und in Rostock die Alternative für die Hansa-Stürmer. Sein erstes Bundesliga-Spiel machte er schon am ersten Spieltag gegen die Bayern in der Allianz-Arena. Er kämpft um weitere Chancen…
Sein Schicksal ist noch viel bewegender.

Im Pass des Kickers steht der Name Ardiles-Waku Menga. Aber alle rufen ihn nur „Addy“. Sein Vater Malens ist ein großer Fußball-Fan und hat ihn damals nach dem argentinischen Weltmeister Ardiles benannt. Sein Bruder Eder wurde nach einem brasilianischen Fußball-Profi, sein Bruder Tardelli nach einem italienischen Weltmeister gerufen. Nur Bruder Christian, der in Deutschland geboren wurde, hat einen „normalen“ Namen.
„Als ich ein kleines Kind war, haben meine Eltern mir einen Fußball geschenkt. Den habe ich überall mithingeschleppt  und abends sogar in mein Bett mitgenommen. Gespielt wurde anfangs in Straßenschuhen. Bei Amis-Luanga in der 3. Liga habe ich dann erstmals in Fußballschuhen gekickt. Aber von Hause aus bin ich ein richtiger Straßenfußballer, wie es viele bei uns im Lande gibt.“ „Addy“ war aber auch ein guter Turner. So erlernte er auch den Salto, den er nach Toren machte, auf den er inzwischen aber aus Verletzungsgründen verzichtet.
So weit der Sport.

Das Herz des gläubigen „Addy“ Menga hat aber auch schwere seelische Narben. Menga kam durch eine Familien-Zusammenführung nach Deutschland. „Mein Vater musste schon 1990 aus politischen Gründen fliehen. Da war ich sieben. Ich habe ihn sehr vermisst.“
In einer großen Zeitung sprach Menga erstmals über die Zeit in der Heimat, der Demokratischen Republik Kongo. „Wir wohnten in zwei Räumen. Es gab nur ein Klo für alle im Haus. Gekocht wurde auf der Straße auf einem Grill. Wenn es etwas zu kochen gab... Morgens gab es ein kleines Brot für die Schule. Wenn Essen da war, wurde Mittag gekocht. Wenn nicht, gab es erst abends was. Wir hatten Glück, weil Papa Geld schickte. Andere haben zwei, drei Tage nichts gegessen.“ Und auch dies gab es. „Manchmal bin ich morgens im Bett hochgeschreckt, da standen Soldaten im Zimmer und richteten ihre Gewehre auf mich. Sie suchten Waffen. Ich hatte Todesangst. Es war die schlimmste Zeit meines Lebens. Ohne Gott, ohne seine Unterstützung, hätte ich das nicht ausgehalten.“

Als „Addy“11 Jahre alt war, beantragten die Mengas im Kongo schließlich ihre Ausreise: „Es hat dann noch sechs Jahre gedauert, bis die deutsche Behörde uns das Visum ausstellte. Ein ewiges Hoffen.“ 2000 reisten „Addy“, seine Geschwister und seine Mutter Jeanne dann nach Deutschland, nach Venne bei Osnabrück, wo Vater Malens damals schon lebte.
Hier lernte er 2002 seine Freundin Dany kennen. Sie arbeitet als Sozialpädagogin, kommt momentan deshalb auch nur am Wochenende an die Küste. In Osnabrück in der 2. Liga lernte er auch erstmals Frank Pagelsdorf als Trainer kennen. Im vergangenen Sommer wechselte er dann zum F.C. Hansa.

Menga lebt heute zwar in Europa, aber er liebt sein Afrika.
„Der Umgang der Menschen dort ist sehr liebevoll. Man merkt kaum, dass sie so große Probleme haben. Sie versuchen immer positiv zu leben. Deutsche sind oft unzufrieden, dabei haben sie doch alles. Wir haben uns über Kleinigkeiten gefreut.“
Und so lässt er sich die Lebensfreude auch nicht von seiner sportlichen Situation verderben: „Ich versuche, immer positiv zu denken und mit allem und allen klarzukommen.“
In seiner Heimat war Addy-Waku Menga allerdings noch nicht wieder. „Meine Oma und Freunde leben noch da. Wir telefonieren oft. Aber ehrlich, ich traue mich nicht hin. Die Unruhen können jederzeit wieder losgehen. Ich bin froh, mit meiner Familie hier in Sicherheit zu sein.“

 

 

 

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