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28.12.2015 00:00 Uhr

Unserem F.C. Hansa Rostock alles Gute zum 50. Geburtstag!

Hansa – Hort der Emotionen! Das letzte Spiel vor dem 50. Jahrestag seines Bestehens hat der F.C. Hansa Rostock mit einem Sieg beendet. Jubel, Begeisterung. Ein halbes Jahrhundert auf der Klaviatur der Temperamente vollendet sich. Ein Rückblick.

Natürlich ist die Situation in der noch jungen Republik unschicklich. Unten in der Gegend um Zwickau spielen wenige Kilometer voneinander entfernt vier Oberligamannschaften und oben, im Norden, steht ein nagelneues Stadion ohne Mieter. Rostock besitzt anno 1954 im Fußball allenfalls eine marginale Rolle und steht damit konträr zu seiner Reputation als aufstrebender Wirtschaftsstandort, der mit der Hafenentwicklung und dem zusehends prosperierenden Fischkombinat auch gleich ein großes Problem in die Wahrnehmung wuchtet: Wer bespaßt eigentlich die eifrigen Werktätigen feierabends? Das brachiale Spiel rechtschaffener Kicker im Souterrain der Ligen gilt da sicher nicht als alternativ. Also lässt der 27-jährige Harry Tisch, Vorsitzender des Rates des Bezirkes Rostock, seine Idee gedeihen, die Mannschaft des erzgebirgischen Vereins, Empor Lauter, nach Rostock zu verpflanzen. Die Lauterer Fußballer bocken vehement, so dass ihnen, quasi als Weichmacher, eine Busreise an den Gestaden der Ostsee bis nach Heiligendamm und Kühlungsborn die Schönheit der Heimat abseits der erzgebirgischen Hänge illustriert. Und mögen die Lauterer Einwohner auch unter Polizeiaufsicht daran gehindert werden, die Möbelwagen der Fußballer umzuschmeißen, der Umzug der Mannschaft wird am 26. Oktober 1954 in aller Herrgottsfrühe vollzogen. Am 14. November sehen 17.000 Zuschauer im Ostseestadion ein 0:0 gegen Chemie Karl-Marx-Stadion und heiligen begeistert die Zuwanderer. Die hingegen werden noch über Jahre hinter den Bergen als Verräter gegeißelt. SK (Klub wie Klub, ohne einen Hauch von Anglizismen!) Empor heißt die neue Mannschaft. Ihr Kalfaktor heißt Harry Tisch. Der ist auch Fußballfan und wickelt die Wünsche seiner Neuankömmlinge (Auto, Wohnung etc. pp) mühelos ab. Dafür plagen sich die Kicker. Nur Neunter in der ersten Saison. Im Pokalfinale in Leipzig gegen Vizemeister Wismut Karl-Marx-Stadt verliert Empor nach Verlängerung mit 2:3, weil Torwart Rudi Leber einen rabenschwarzen Tag erlebt und schon nach zwei Minuten das erste Gegentor fängt. Eine Übergangsrunde 1955, die Empor am Ende auf Platz 2 sieht, taugt nur als Etikettenschwindel. Eine Serie später ist die Truppe Absteiger aus dem Oberhaus! Als sie wieder zurückkehrt, hat unter Trainer Heinz Krügel der folgende Platz 7 durchaus Gewicht. Der Wismarer Holtfreter (8 Tore) und der Lauterer Artur Bialas (7) reüssieren neben dem großen Kämpen Kurt Zapf. Nur der Slang vermag noch die einstige Herkunft der Mannschaft zu verraten. Im Heer der Erwachsenen strebt einer auf: Heino Kleiminger.

Walter Fritzsch ist da. Der Trainer, der „kleine General“. Er übernimmt 1960 die Mannschaft  und flankiert sein Training mit akribischen Aufzeichnungen und bunten Schriften die Leistungen seiner Spieler. Platz 6 bietet ihm Schreibstoff und die 21 Tore von Bialas vielleicht sogar den Hang zur Poesie. Was Fritzsch begeistert: Ihm stehen die alten Haudegen zur Seite und zunehmend die jungen Wilden zur Verfügung. Der Talenteborn sprudelt und nach Kleiminger kommen Drews, Pankau, Barthels, D. Wruck und Heinsch zu Einsätzen. Ein Jahr später, in einer Mammutsaison mit 39 Spielen, wird Empor 1962 Vizemeister. Bezeichnend: Altmeister Bialas ist mit 23 Treffern Torschützenkönig, Jungspund Kleiminger (erst 23) trifft 18-mal. Die Mischung macht´s!

Fritzsch mag noch seine Kladden mit der Steife einer Büroklammer abfassen – seine Spieler sind da schon längst international unterwegs. Olympia 1964 in Japan ist das Ziel. Natürlich lancieren zwei Vizemeisterschaften und ein Pokalfinale (1960 gegen Motor Jena 2:3 n.V.) die Empor-Spieler in den Fokus des Auswahltrainers Karoly Soos. Der nominiert auch eifrig sechs Rostocker für eine Auswahlreise nach Afrika. Die Generation der gerade Halbhahn Entwachsenen ist eine der besten im DDR-Fußball. Heino fehlt im Aufgebot für die Olympia-Elf. Nach langer Verletzungspause soll er Soos zeigen, dass er belastbar ist. Keeper Jürgen „Dackel“ Heinsch und Wolfgang „Sachse“ Barthels harken beim Schusstraining Heino den Weg. Vergebens! Dafür ist „Sachse“ in Japan, spielt auch einmal und darf dann, vor dem gewonnenen Bronze-Spiel der DDR-Elf (Ägypten 3:1), gemeinsam mit dem Vorwärts-Akteur Werner „Peitsche“ Unger den am Knie schwer verletzten Klaus „Banne“ Urbanczyk  per Flugzeug nach Berlin begleiten. Gut, diese Episode mag sich in den Erinnerungen noch als Randnotiz einnisten. Ungeachtet dessen treibt mit dem Hinblick auf einen außergewöhnlich starken Jahrgang im DDR-Fußball Anfang der Sechziger Jahre die Funktionäre die Idee um, den Spielbetrieb zu konzentrieren. Das Wort Professionalismus steht in der DDR-Rechtschreibung auf dem Index.

Ende 1965, Anfang 1966 strukturieren sich in der DDR etliche Vereine um. Statt Mustopf hehre Gerichte. Schweinsblase einmal genäht oder Leder doppelt gewirkt? Die Klubs sollen sich von Anhängseln abschmücken wie Weihnachtsbäume. Alles klarer, konturierter. Auch besser? Am 28. Dezember 1965 rekrutiert sich der F.C. Hansa Rostock. Der Maler Karl-Heinz Kuhn zelebriert mit der Kogge das immer währende Vereinssymbol. Hansa wird am Ende der Saison 1965/66 Vierter, gehört mithin zum Establishment der Oberliga. Doch ein Jahr später lässt sich die Elf im Pokalfinale 1967 in Brandenburg gegen Motor Zwickau beim 0:3 vorführen. In der Oberliga wabert die Kogge im seichten Wasser dahin.  Der 37-jährige Kurt Zapf soll in zwei Spielen den Heilsbringer abgeben. Wusch! Schwamm drüber! Hansa durchläuft eine Frischzellenkur, wird 1968 Vizemeister und startet im Europacup. Hansa beherrscht im Messe-Cup den französischen Vizemeister OGC Nizza (3:0) ohne zu überzeugen und trifft im Spiel gegen AC Florenz durch Hergesells kapitalen Fernschuss zum 3:2 in der Nachspielzeit. Ein Jahr später vollendet wieder Helmut Hergesell spektakulär und Gerald Sackritz final beim 2:1 gegen das international renommierte Inter Mailand.

Anfang der 1970er-Jahre grätschen die Ergebnisse Hansa. Von Oberligaspitze (1969/70 Platz 12, 1970/71 Platz 8) keine Spur! Der zweifache Torschützenkönig Gerd Kostmann der vergangenen Jahre (1968: 15 Tore, 1968: 18) spielt keine Rolle mehr. Dem geschassten Trainer Gerhard Gläser folgt Horst Saß. Der könnte im Kader wie aus dem Füllhorn greifen: Hier die Etablierten, dort die jungen Heißsporne wie Stein, Streich, Decker oder Radtke. Am 02. Dezember 1972 fegt im FDGB-Pokal der 20-jährige Dietrich Kehl allein mit drei Toren beim 3:0 den Vizemeister Carl Zeiss Jena aus dem Wettbewerb. In der Saison 1974/75 unter Trainer Heinz Werner fährt sportlich die Kogge einen falschen Kurs. Jenas 2:0 im Ostseestadion erhebt die Fachpresse zur Lehrstunde für Hansa. Der an jenem 8. März 1975 (Internationaler Frauentag!) euphorisierte Parteibonze Harry Tisch entlässt Prokura und mit reichlich Alkohol im Statement stante pede den Coach. Helmut Hergesell übernimmt. Vor dem entscheidenden Oberligapunktspiel gegen den Abstieg gastieren die Rostocker in Stralsund. Dessen Trainer Erhard Schmidt verkündet in der Mannschaft nur die Diktion „von oben“: Punkten verboten! Doch die Matrosen scheren sich nicht drum! Alles andere ist Legende: Hier der überragende Dieter Schönig im Vorwärts-Tor, da die ewige Ikone Kische, das Kraftpaket gegen alle Abstiegs-Widernisse. Am Ende triumphiert Schönig gegen Streichs Elfmeter. Hansa steigt erstmals seit 20 Jahren ab. Ein Desaster, selbstredend, und Hansa schnäuzt sich nur kurz durch. Und was ist mit Gerd Kische? Im spärlich beleuchteten Ensemble des Klubs ist schon mal ein Licht ausgefallen. Joachim Streich wechselt nach Magdeburg. Kische jetzt auch noch? Nach anderswo? Totale Finsternis in ohnehin sportlich düsterer Lage bei Hansa? Kische bleibt. Auch nach Intervention des DDR-Auswahltrainers Georg Buschner wider aller verbalen Funktionärs-Steilpässe. Ihn kann die Tingeltour eines arrivierten Auswahlspielers in der Liga nicht erschüttern. Denn er weiß, dass es im europäischen Fußball nur einen gibt, der die ehrgeizigen Windhunde (Blochin, Lato) einfangen kann. Kische ist Weltklasse und sein Sprint auf den Sockel eines Olympiasiegers 1976 in Montreal nur folgerichtig.

Hansa hat im Spätsommer 1976 einen richtig guten Kader beieinander. Schneider hält, Kische steht, Mischinger läuft und Jarohs trifft. Die Leichtigkeit des Seins torpediert die Ernsthaftigkeit. Hansa steigt ab und weiß im Grunde nicht warum. Also erneut über die Chausseen zu den eher biederen Liga-Gegnern. Hansa kommt wieder hoch. Zum Auftakt der Saison 1978/79 zieht die Kogge unter aufgeblähten Segeln vor 25.000 Zuschauern ihre Bahn: 4:2 gegen Union Berlin. Dass der Klub, sportlich gesehen, im Verlauf der Saison seine Segeltücher akkurat in die Schreine verbringt ist nicht nachvollziehbar. Wieder funkt die Kogge SOS und ihren erneuten Untergang sekundieren zahlreiche Fans fassungslos.

Am 23. August 1980 weicht die hanseatische Fußball-Depression einem neuen Selbstbewusstsein. Im Oberliga-Auftaktspiel gegen Lok Leipzig haut Rainer Jarohs dem späteren Weltklasse-Torhüter René Müller einen unglaublichen Freistoß ins Tor. Noch schiebt Hansa beim 2:2 das Lehrgeld in die Kollekte. Aber die Rostocker Fußballer staffieren das Ostseestadion zur Bühne aus. Ihre Protagonisten heißen Uteß, Jarohs, Mischinger, Schulz, Littmann oder Schlünz. Im DDR-Fußball anfangs der 1980er- Jahre ist Hansa neben Dresden der Zuschauermagnet schlechthin. Eine bessere Mittelfeldreihe als die mit Mischinger, Schulz und Schlünz sucht ohnehin ihresgleichen. Aus der guten Nachwuchsschmiede des Vereins kommt die nächste Generation hoch: Arnholdt, Kleiminger jr., Doll, Weilandt, später Kruse, Fuchs, Röhrich, Weichert. Hansa spielt attraktiv, ist beliebt und macht es sich kommod, bis es von der morschen Pritsche fällt. Wieder Zweitklassigkeit! Im Sommer 1986 kriegt eine halbseidene Hansa-Mentalität ihre Quittung: Wart ihr schon mal zum Punktspiel in Guben? Als die Mannschaft im Frühjahr darauf souverän aufsteigt, müssen ihr erst Flausen ausgetrieben werden. Statt Abstiegskampf Titelrennen! Inmitten politisch bewegter Zeiten mit all ihren Ungewissheiten bleibt die Kogge sportlich unbeirrt auf Kurs. Und so feiert im Jahr 1990 der Klub seine erste Meisterschaft und garniert sie mit dem ersten Pokalsieg noch dazu.   

 

Im wiedervereinigten Deutschland darf die Hansa-Kogge im Profifußball mitfahren. Das ist wie Wildwasser-Kanu in Stromschnellen. Die Rostocker starten im Sommer 1991 ihre erste Saison in der Bundesliga mit zwei Siegen (Nürnberg 4:0, in München 2:1) und grüßen als Tabellenführer von der Kommandobrücke. Doch die Gefahr in der Liga lauert überall. Unten an Bord sitzt heimlich der Klabautermann und zieht schon mal den Stöpsel aus der Kogge. Prompt steht irgendwann den Kickern das Wasser bis zum Hals und sie steigen ab. Dem Intermezzo in der Bundesliga folgt ebendort später ein gut abgefasstes Kapitel mit zehn Saisons am Stück in der Beletage des deutschen Fußballs. Hansa lässt auf seine Kogge versiertes Personal an Trainern (Pagelsdorf, Lienen, Funkel, Veh) und Spieler mit gewichtigem Rohdiamanten –Anteil (Beinlich, Barbarez, Akpoborie, Neuville, Rehmer usw.) aufsteigen. Der gestandene Bundesligaprofi Martin Max heuert 2003 für eine Saison an und schießt 20 Tore. Die Kogge ist ostdeutsches Flaggschiff, aufgetakelt mit Stolz und Selbstbewusstsein. Aber sie liegt nicht gut vertäut gegen alle Wirrnisse des Profisports. Vereinspolitische Querelen, Egozentriker in Selbstgefälligkeitsposen, finanzielle Fehlkalkulationen bis an die Grenze zur Insolvenz, dazu schwere sportliche Fehler und desaströse Darbietungen driften wie scharfe Klippen auf die Kogge zu. Als Hansa erstmals in die Dritte Liga absteigt, begreift der Verein diesen Fakt nicht als Affront auf das eigene Selbstverständnis. Nur mal kurz das Oberdeck durchscheuern? Damit ist es nicht getan. Mittlerweile hat die Kogge schwere Schlagseite. Mehrere Handbreit Wasser überm Kiel. Sorgen über Sorgen.

Aber es tuckert noch kräftig Herzblut unter den vielen tausend Hansa-Anhängern. Der Klub war und ist immer ein Hort der Emotionen. Auch nach 50 Jahren. Pur und unverfälscht. Und wenn alle mit anpacken, ziehen wir die Kogge wieder gerade und blasen ihr tüchtig unter die Segel!

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