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02.06.2010 13:43 Uhr

Vom Rasen auf den Bürostuhl: Stefan „Paule“ Beinlich ist zurück

Der F.C. Hansa Rostock hat seit dem 30. Mai 2010 einen guten alten Bekannten als neuen Sportchef: Stefan „Paule“ Beinlich (38).

Der Aufsichtsrat der Hanseaten gab tags zuvor grünes Licht für den Wunschkandidaten des neuen Vorstandsvorsitzenden Bernd Hofmann. Innerhalb von nur einer Woche nach Amtsantritt entschied sich der gebürtige Veltener (Brandenburg) nach einer intensiven Arbeitswoche für den gebürtigen Berliner.

„Meine Absicht war es vom ersten Tag an, einen jungen, unverbrauchten Mann an die Seite eines erfahrenen Trainers zu stellen, der sich in der Liga auskennt“, sagte Bernd Hofmann. So kam es zu der Konstellation Stefan Beinlich (38), /Peter Vollmann (52).

Beinlich hat an der Küste das Frühjahr und den Herbst seiner sportlichen Karriere verbracht. In Zahlen sind das fünf Länderspiele für Deutschland, 14 Jahre Fußball auf höchstem Niveau zwischen Rostock und Leverkusen, 288 Bundesliga-Spiele und 56 Tore, 62 Zweitliga-Spiele und 16 Treffer für den F.C. Hansa, Bayer Leverkusen, Hertha BSC und den HSV. Dazu Lehrjahre bei Bergmann-Borsig Berlin und drei Jahre bei Aston Villa.

Stefan Beinlich spielte als Profi in zwei Perioden (1994 bis 1997 und 2006 bis 2008) beim F.C. Hansa, stieg zweimal mit dem Verein auf, nun folgt also das dritte Engagement, diesmal als Manager. Ein Wechsel vom Ball auf den Bürostuhl.

Als ehemaliger Profi ist er ein Quereinsteiger im Management. Hilfreich waren seine Hospitationen in verschiedenen Bundesligavereinen, für die er einst gespielt hat.

Sein bester Freund ist sein Ex-Kollege Bastian Reinhardt, mit dem er beim HSV gespielt hat und der Tage zuvor an der Alster zum Sportchef berufen wurde.

Der Nachfolger von René Rydlewicz hat vieles mit seinem Vorgänger gemein: Beide waren Straßenfußballer, beide gingen durch die Dynamo-Fußballschule in Berlin, beide waren Publikums-Lieblinge in Rostock, beide sind Aufstiegshelden und langjährige Kicker des hanseatischen Fußballvereins, beide waren Kapitäne der Profi-Mannschaft, beide haben im deutschen Fußball einen guten Namen und beste Kontakte.

Stefan kennt „seinen Verein“. Hilmar Weilandt und Heiko März (beide heute beim Hansa-Vermarkter Infront) waren einstige Mannschaftskameraden, Junioren-Bundesliga-Trainer Michael Hartmann kennt „Paule“ schon aus Hertha-Zeiten.

Stefan Beinlich hat beste Verbindungen zu seinen ehemaligen Vereinen Hertha, Bayer Leverkusen und dem HSV.

Auch als Mitglieder der Golf spielenden Fußballer („Gofus“) und aktives Mitglied der deutschen Traditions-Nationalelf hat Stefan Beinlich gute Drähte in den deutschen Fußball, die er für den  F.C. Hansa jetzt nutzen möchte.

„Paule“ über den Menschen Stefan Beinlich: „Der Fußball war bislang mein Leben. Der Fußball wird immer mein Leben bleiben. Wer kann schon sein Hobby zum Beruf machen...“

Stefan Beinlich wurde am 13. Januar 1972 in Berlin geboren und ist das, was man gemeinhin eben als Straßenfußballer bezeichnet. Dazu passt dann auch der Spitzname „Paule“.

„Paule“? Warum heißt Stefan Beinlich eigentlich immer nur „Paule“ Beinlich? Die Erklärung ist schnell gefunden und stammt aus seinen Kindheitstagen. Als seine Eltern ihn mit sechs Jahren zum damaligen DDR-Meisterklub BFC Dynamo zum Probetraining brachten, gab es mehrere Jungs, die auf den Namen Stefan hörten. Also wurde aus Stefan schnell mal „Paule“…

Der Name passte zu der „Berliner Jöre“. „Paule“ kickte mit Pfiff: Gute Technik, gutes Auge, viel Witz. Sein erster Trainer Horst Stemmler war begeistert. Alles schien „in Butter“ – wie die Berliner sagen. „Paule“ war im weinroten Dress das, was man ein großes Talent nannte. Ein Junge mit Herz, ein Bursche, der das auch am richtigen Fleck hatte.

Dachten alle. Bis zum 16. Lebensjahr. Kurz nach seinem Geburtstag in der Saison 1988/1989 aber wurden „Paule“ und seine Eltern nach einer medizinischen Untersuchung ihres Sohnes ins Berliner Sportforum einbestellt. Sein Trainer und ein Kardiologe eröffneten dem jungen Kicker, er habe Herz- Rhythmusstörungen. In jener Zeit schoss er um 10 cm in die Höhe. Von heute auf morgen sprachen die Ärzte dem Straßenfußballer ein Fußball-Verbot aus.

„Für mich ging damals die Welt unter“, erinnerte sich Stefan Beinlich. Was „Paule“ und seine Eltern – seine Mutter Renate ist Allgemein-Medizinerin - wunderte: „Paule“ bekam ein generelles Jahr Fußballverbot, durfte aber einmal die Woche Volleyball im Verein seines Vaters spielen und konnte immerhin noch an der  Kinder – und Jugendsportschule von Dynamo die 10. Klasse beenden. Statt Staatsprofi wurde Stefan Beinlich unterdessen Elektriker.

Erst im April 1989 kickte „Paule“ wieder, jetzt für die Betriebssportgemeinschaft Bergmann-Borsig. Von der A-Jugend in der Kreisklasse ging es für ihn schnell in die 2. Liga. Mit der Wende fusionierte der Verein ausgerechnet mit dem BFC Dynamo II. Plötzlich schlug auch das Herz wieder im richtigen Rhythmus.

„Paule“ war schnell wieder - diesmal unter dem Trainer Jörg Penkuhn - ein Leistungsträger seines Teams. Er war sogar so gut, dass er bei einem Trainingslager im Sommer 1991 in Holland den Scouts von Aston Villa auffiel.

Über Manager Jean Bouwen und Berater Jörg Neubauer traten die Engländer an Beinlich und dessen Mannschafts-Kollegen Mathias Breitkreutz heran, doch ein Probetraining auf der Fußball-Insel zu absolvieren.

Gesagt, getan, gespielt. Im Test der Villa-Reserve gegen Manchester City sorgten die „Berliner Jungs“ mit ihren Toren für die 2:0-Fhrung. Ende 2:1. Nun mussten sie sich innerhalb von 24 Stunden für einen Wechsel auf die Insel entscheiden. „Wir grübelten und sagten zu. Allein wäre keiner von uns gegangen“, betonte Stefan Beinlich.

Was folgte, waren von Oktober 1991 bis 1994 drei Jahre Lebenserfahrung sowie 16 Spiele und ein Tor in der Premier-League sowie jede Woche Tests im Reserveteam. Schließlich mündete die Insel-Tour in einem abermaligen gemeinsamen Wechsel zum F.C. Hansa und dem sofortigen Aufstieg unter Trainer Frank Pagelsdorf.

Von Rostock aus zog Stefan Beinlich zu Bayer Leverkusen, Hertha BSC und dem Hamburger SV, machte nun sogar fünf Länderspiele. Im Sommer 2006 erinnerten sich „Pagel“ und „Paule“ noch einmal an die tollen gemeinsamen Zeiten. Der Trainer holte ihn so an die Küste zurück, machte ihn zum Kapitän und Aufstiegsgaranten.

Im Jahre 2008 beendete Stefan Beinlich seine aktive Laufbahn in Rostock. Im Herbst 2009 kamen 17 000 Menschen zu einem bewegenden Abschiedsspiel in die DKB-Arena. Mit dabei: Stars wie Christian Ziege, Carsten Jancker, Fredi Bobic, Oliver Neuville, Thomas Doll, Jens Nowotny, Andreas Thom und Ulf Kirsten. Eine wundervolle Gala, eine unglaubliche Symbiose zwischen Spieler und Fans. Ein Abschied in Tränen und Toren. Damals trug er ein T-Shirt mit den Aufschriften: „Mc Pomm mein zu Hause. Hansa meine Liebe.“

Fragt man Stefan, wem er seine Karriere zu verdanken hat, bekommt man dies zur Antwort: „In meiner Kindheit zweifelsfrei meinen Eltern, in der Jugend meiner heutigen Frau Katrin. Danach wurde Jörg Neubauer vom Berater zum guten Freund. Im Alter hat besonders mein Vertrauensarzt Dr. Frank Bartel meinen Weg entscheidend geprägt. Ich möchte da aber auch meinen ersten Übungsleiter Horst Stemmler und Helmut Koch beim BFC sowie Trainer Jörg Penkuhn bei Bergmann-Borsig sowie alle meine Trainer in der Bundesliga bis hin zu Frank Pagelsdorf nicht vergessen.“

Ehefrau Katrin Beinlich hat den Rostocker Publikums-Liebling mit 17 Jahren als Nobody bei einer Party kennengelernt. Seither zog die einstige Leichtathletin fast 20 Jahre mit ihrem Mann durch Fußball-Deutschland. Sie nennt ihn liebevoll den „besten Mann und Papa der Welt“.

Der langjährige Hansa-Mannschaftsarzt Dr. Frank Bartel formuliert es so: „Es ist der Mensch, der Paule zu etwas besonderem macht.“ Ja, und wie ist das heute mit den Herzrhythmusstörungen des dreifachen Familienvaters Stefan Beinlich? „Um vier Ecken habe ich nach der Wende erst erfahren, dass meine eigentliche ‚Krankheit’ bei Dynamo eine Großtante von mir in Hamburg war…“

Es hätte „Paule“, mit Frau Kathrin heute leidenschaftlicher Vater und Förderer dreier sportbegeisterter wie erfolgreicher Töchter (Nancy, Nora, Kira), fast das Herz gebrochen.

„Paules“ einziger wirklich wunder Punkt: „Ich habe als Fußballer leider nie einen Titel gewonnen. Meine Titel waren so die Aufstiege mit Hansa…“

Nun also wagt er als Manager mit dem Verein einen Neuanfang.

 

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