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15.05.2007 08:14 Uhr

Zeitzeuge Florian Weichert im Interview

Letztes Tor in der DDR-Oberliga, erstes Tor in der Bundesliga!

Der Mann hat mit den Füßen Historie „geschrieben“: Florian Weichert. Am 25. Mai 1991 erzielte „Flori“ im Heimspiel gegen den 1. FC Lok Leipzig (1:4) den letzten Treffer der Rostocker in der letzten DDR-Meisterschaft. Am 3. August 1991 besorgte er für den F.C. Hansa Rostock im Ostseestadion beim Bundesliga-Debüt der Ostseestädter den ersten Treffer gegen den 1. FC Nürnberg (4:0) in der Bundesliga.
Wir sprachen mit dem einstigen Stürmer und heutigen Fernsehreporter des mdr, der mit einer Mecklenburgerin verheiratet ist, ein Kind hat und – wie jedes Jahr – die Festtage an der Küste verbrachte.

Florian, erinnern Sie sich noch an Ihre historischen Treffer?
Weichert: Also, dass ich für Hansa das letzte Tor in der Oberliga gemacht habe, ist mir schon entfallen. An meine beiden Tore beim Bundesliga-Debüt erinnere ich mich unterdessen sehr wohl.

Wie fielen diese Treffer denn?
Weichert: Den ersten Treffer legte mir Stefan Böger zum 1:0 von der rechten Seite auf. Ich traf auch mit rechts. Torwart Andreas Köpcke war ohne Chance. Den zweiten Treffer zum 3:0 machte ich später mit links.

Mit welchen Gefühlen sind Sie denn damals in dieses erste Bundesliga-Spiel gegangen?
Weichert: Oh, mir war ganz mulmig. Vor der Saison hatten wir als Ost-Meister am Holsten-Cup teilgenommen und eine Klatsche vom 1.FC Kaiserslautern, mit Feldkamp, Labbadia und Kuntz, bekommen. Juri Schlünz sah die erste gelb-rote Karte, war gesperrt. Was sollte das gegen den Club nur werden? Aber genau das war vor damals nur 13000 Zuschauern unsere Chance. Dann folgte das 2:1 bei Bayern und vor nunmehr 25000 Zuschauern 5:1 gegen Dortmund. Mit drei Siegen waren wir plötzlich Tabellenführer und ich stand mit fünf Toren nach 13. Spieltagen im Blickpunkt der Öffentlichkeit. Plötzlich wollte mich Bayern, wollte mich der HSV, meldete sich Bremen.

Noch mal zurück zu den Wende-Zeiten. Wie viel verdiente denn ein Oberligaspieler damals?
Weichert: Es waren wohl so um die 1100 DDR-Mark plus Auswahlzuschlag von 300 Mark und Siegprämien. Für unsere damaligen Verhältnisse im Lande war das sicherlich nicht schlecht.
Und was gab es für die Siege in der letzten NOFV-Meisterschaft und im NOFV-Pokal?
Weichert: Ich müsste lügen, aber vielleicht bekamen wir 5000 Westmark.

Stimmt es, dass die ersten Vertragsverlängerungen mit Westgeld honoriert wurden?
Weichert: Ja, Präsident Robert Pischke bot für die Vertragsverlängerungen uns Spielern schon Westgeld, um Konkurrenzfähigkeit zu zeigen. Viele kauften sich schnell erst mal gebrauchte Autos.

Trainer Uwe Reinders beklagte, Sie hätten als prominente Spieler in der Stadt nicht mal Telefon gehabt…
Weichert: Ich gehörte nach der Wende tatsächlich schnell zu den ganz wenigen, die durch einen Sponsor aus dem Westen ein Telefon, ein so genanntes C-Netz, hatten. So kam es wohl auch, dass ich schnell Vertragsangebote aus dem Westen bekam. Leute wie Uli Hoeneß hatten so dann auch zügig meine Nummer und mich ziemlich schnell erreicht. Mein Telefon war damals aber noch so groß wie ein Koffer…

Nach den ersten DDR-Profiverträgen gab es schnell neue Verträge für die Bundesliga. Man bot Ihnen einen Zweijahresvertrag. Aber Sie unterschrieben nur für ein Jahr. Warum?
Weichert: Ich hielt das Angebot eher für einen Witzvertrag. Es gab so Verträge zwischen 4000 und 9000 Mark. Also unterschrieb ich erst einmal nur für ein Jahr.

Aber schon nach einem halben Jahr riefen dann drei Vereine aus dem Westen…?
Weichert: Ja, vor allem Bayern buhlte um mich. Aber ich lehnte ab wie bei Bremen und Hamburg. Ich unterschrieb für die 1. Liga einen Vertrag bei Hansa für vier Jahre…

Der dann beim Abstieg hinfällig wurde…
Weichert: Ja, die 4 Jahre galten nur für die Bundesliga, deshalb bin ich dann zum HSV. Egon Coordes hatte von den Bayern viel Gutes von mir gehört. Aber der ging dann schnell in Hamburg weg und sein Nachfolger Benno Möhlmann hielt nichts von mir. Hamburg wurde für mich zum Missverständnis.
Nach einem Jahr war ich in Leipzig, stieg ab, wechselte zu Dynamo Dresden und stieg damit in wenigen Jahren zum dritten Mal mit einem Bundesliga-Verein aus dem Osten ab. Das ist wohl auch noch einmalig in der Historie. Ich habe da ein Spiel von „ran“, mit dieser Frage, und mein Schwager hatte die Frage und ich musste antworten – wir haben uns kaputt gelacht. Später!

Welchen Anteil hatte Uwe Reinders am Erfolg in Rostock?
Weichert: Unter Pico Voigt waren wir zu DDR-Zeiten total austrainiert, aber im Spiel auch oft ausgepowert. Platt. Reinders passte einfach zu uns. Er war streng und doch locker. Wir trainierten weniger und waren trotzdem besser, wir freuten uns auf die Spiele, der Ball lief, unsere Truppe war homogen und eingespielt. Die Moral stimmte und der Erfolg kam automatisch. Und es war unser Glück, dass wir alle recht namenlose Spieler waren, die an der Küste gerne und gut gelebt hatten. Wir sind marschiert, von Sieg zu Sieg, von Erfolg zu Erfolg. Wir waren wie junge Hunde oder wilde Pferde. Der BFC fiel unterdessen auseinander, Lok Leipzig und auch Dynamo Dresden. Nur wir nicht.

Konnten sie den Rausschmiss von Trainer Uwe Reinders durch Gerd Kische damals verstehen?
Weichert: Nein, nie. Ich war ein Verfechter von Reinders, er stellte mich ja auch auf, wenn ich mal kein Tor machte, vertraute mir und ich gab dies zurück. Ich gehörte zu einer Reinders-Fraktion. Aber es gab auch Leute, die sich bei Gerd Kische ausweinten und so den Trainer demontierten. Diese Spieler erreichten ihr Ziel – Reinders musste gehen. Ich habe es wirklich bis heute nicht verstanden…
Die Quittung: Wir sind abgestiegen. Das war ziemlich bitter und traurig. Auch für die Fans.

Hat man als Jung-Profi denn noch seine Umwelt damals wahrgenommen?
Weichert: Klar, nach den ersten Bundesligaspielen war irgendwie auch in der Mecklenburger Gesellschaft die Luft raus. Die ersten Menschen waren arbeitslos und depressiv. Es gab Neider, es gab Egoisten, es gab Kriminelle. Der Ton in der Gesellschaft wurde rauer, die Zeiten wurden schwerer, die Leute kamen auch weniger zum Fußball. Ich erinnere mich auch an ein bedeutungsloses Spiel gegen den FC Barcelona im Europapokal, zu dem wenige Zuschauer kamen, weil die Preise einfach zu hoch waren. Am Ende war es schon so, dass es uns Fußballern durchaus gut ging, aber den Menschen um uns und unseren Familienangehörigen wesentlich schlechter ging. Nicht jeder hat uns gerne in der Sonne gesehen…Neid und Missgunst wurden auch in Mecklenburg schnell größer und größer.

Wo leben Sie heute?
Weichert: Ich arbeite in Leipzig für den „mdr“ und bin in Dresden zu Hause. Ich wohne in Blasewitz am „Blauen Wunder“ und mein Nachbar ist Ralf Minge, der einstige Dresdner Spieler und Trainer, der bis vor kurzem noch in Leverkusen arbeitete und jetzt für immer nach Dresden und zu Dynamo zurückkehrte.

Wer hat Sie zum Journalismus gebracht?
Jörg Pilawa. Der arbeitete damals bei RSH in Kiel und bat mich als HSV-Profi doch mal ein Spiel bei St.Pauli zu kommentieren, irgendwie bin ich dann 1997 in Sachsen gelandet. Der bekannte Sat-1-Mann wurde gewissermaßen zu meiner Hebamme im Journalismus. Heute berichte ich über Dynamo, die Regional- und Oberliga in Mitteldeutschland und bin auch für die Nachrichten im Lande verantwortlich.

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