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„Wunder“ – das Hansa-Mirakel

Zwei Saisons beim F.C. Hansa Rostock reichten völlig aus, um Bernd Wunderlich in den Annalen des Vereins zu verewigen. Heute wird „Wunder“ 65.

Am 12. Dezember 1987, nach einem 2:3 in Riesa, blieben die Rostocker im zehnten Spiel nacheinander sieglos. Ergo: Abstiegsplatz, Tristesse! Was oder wer konnte wie noch helfen? Einer Götterdämmerung gleich kam jemand in Rostock auf die Idee, Bernd Wunderlich zu holen. Der trug das Trikot von KKW Greifswald.

Wo Mit- und Gegenspieler die Gemarkung des Spielfeldes als Status quo für kullernde Bälle sahen, erwachte in Bernd Wunderlich erst der Jagdinstinkt. Kaum einer, der so vehement wie er dem Leder hinterherlief. Erst bei Vorwärts Stralsund, dann ab 1982 in der DDR-Oberliga beim FC Vorwärts Frankfurt/O. Sofort Aktivposten und Vizemeister 1983, in den Notizbüchern der Auswahltrainer präsent. Olympiamannschaft. Länderspieldebüt am 15. Februar 1984 in Athen gegen Griechenland (3:1). Nach vier Jahren FCV der Abschied aus dem Oberhaus. Wunderlich wurde gemaßregelt, weil es ihn zurück in seine Heimatstadt Stralsund zog. Ein exzellenter Fußballer sollte in der Provinz nur noch tingeln dürfen. Die sportlich gut situierte Liga-Truppe des KKW Greifswald nahm „Wunder“ auf.

„Ich wollte nicht“, reagierte Wunderlich auf die Avancen einer Rostocker Abordnung, die ihn Anfang 1988 zum F.C. Hansa holen sollte. Dann sei für ihn augenblicklich der Fußballsport vorbei, wurde ihm entgegnet. Soviel Rigorosität vereinfachte die Entscheidungsfindung. Wunderlich begann sein Hansa-Intermezzo im März 1988 mit einem 2:0 gegen Wismut Aue. Aber die Kogge irrlichterte sportlich im seichten Wasser. Erst ein 5:2 gegen den HFC Chemie war die Initialzündung für ein leidenschaftliches Aufbegehren des Vereins in der Meisterschaft. Wunderlich voran mit Klassespielern im Schlepptau. Er war auf den Geschmack gekommen. Viele Hansa-Spieler kannte er von Kindesbeinen an. Mit Frank „Wriedter“ Wriedt (ein Verteidiger mit den Maßen eines Kleiderschranks), ebenfalls von KKW geholt, hatte „Wunder“ die Kogge erst manövrierfähig gemacht: Neunter Platz am Ende der Saison 1987/88. „Wir waren ein verschworener Haufen“, verriet Wunderlich die Crew-Stimmung.

Wer wollte in der Erinnerung an jene Saison bezweifeln, dass sie eine der wichtigsten Serien in der Klubgeschichte des F.C. Hansa war? Die Klasse der Jarohs, Schulz, Schlünz, März oder Wahl blieb unbestritten, doch die Positionslichter der Kogge setzte Mentalitätsmonster Wunderlich. In der Saison 1988/89 gab es zwei Mannschaften, die für Furore sorgten: Meister Dynamo Dresden und Hansa als Vierter mit einer EC-Renaissance nach 20 Jahren! Eine kaum für möglich gehaltene Leistungsexplosion, die zwei Jahre später in die erfolgreichste Saison des Klubs (Meisterschaft und Pokalgewinn) gipfelte. Wunderlich war einer ihrer großen Vorreiter. Im Sommer 1989 ging er zurück nach Stralsund.

Seit über 30 Jahren ist Wunderlich städtischer Angestellter in Stralsund, ein Vierteljahrhundert war er Trainer in vielen Vereinen. „Ich halte mich immer noch fit“, versichert „Wunder“. Als Aktivposten des Old-Star-Teams DDR mischt er neben anderen Auswahlkameraden von einst die Nostalgie auf. „Das Interesse der Spieler wie Zuschauer ist nach wie vor enorm“, freut es ihn. Die rechte Gefühlslage heute für ein Resümee: „Ich würde meine Laufbahn genauso nochmal machen!“ Zur Freude seiner Mitstreiter, zum Leidwesen seiner Kontrahenten. Beides hatte je seine Berechtigung!