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20.03.2019 11:59 Uhr

Geradliniger Typ bekam noch rechtzeitig die Kurve

Uli Borowka kommt am 27. März mit seinem Buch "Volle Pulle – Mein Doppelleben als Fußballprofi und Alkoholiker" in den Businessclub des Ostseestadions. Berührungsängste mit ihm muss man nicht haben. Er ist der eloquente Typ wie eh und je.

Den eher filigranen Schalker Olaf Thon begrüßte bei dessen Bundesligadebüt 1984 der Gladbacher Borowka mit ambitionierten Worten: "Ich brech‘ dir gleich beide Beine." Diese martialische Aussage passte zum "härtesten Abwehrspieler" der Liga seiner Zeit. "Axt" – das war Kosename und Inbegriff für einen Fußballer, der andere nicht scheute und sich selbst natürlich auch nicht. 388 Bundesligaspiele für Mönchengladbach und Bremen, zwei Meistertitel und zwei Pokalerfolge, dazu noch den Europacup der Pokalsieger 1992 mit Werder. Sechs Länderspiele ("Das erste 1988 in Berlin gegen Argentinien und Maradona – sein Trikot habe ich noch") und zwei Elfmetertore beim legendären Lila-Kuh-Erlebnisspiel mit Werder 1990 in Rostock (6:2).

Dass so einen selbstbewusst daherkommenden Haudegen der Alkohol sukzessive vereinnahmte, erscheint surreal. Borowka sieht die Versagensängste in jungen Jahren als Katalysator an: Trinken um zu verdrängen, Feiern um dazuzugehören, kein Maß finden um kontrolliert zu bleiben. Die Sucht griff wie ein Krake nach dem jungen Mann, der schließlich nicht mehr trank sondern soff: Täglich eine Kiste Bier und zwei Flaschen Schnaps. Dem Raubbau am eigenen Körper widerstand noch der Ehrgeiz, an seiner fußballerischen Leistung keine Zweifel zu lassen. Borowka rauschte volle Pulle ins Verderben, verlor Familie, Haus und Geld und hatte 1996 bei einem Selbstmordversuch schon mit dem Leben abgerechnet.

"Ich wachte auf meiner verkotzten Matratze auf und suchte die Reste der Alkoholflaschen zusammen". Das reinste Delirium, aus dem ihm sein ehemaliger Mitspieler Christian Hochstätter und Gladbachs einstiger Präsident, Wilfried Jacobs ("Zweifellos meine Lebensretter!"), 2000 mit der Einlieferung in eine Suchtklinik halfen. Vier Monate Schwerstarbeit auf allen Ebenen. Mit Erfolg. "Seit der Zeit bin ich trockener Alkoholiker", erklärt Uli Borowka stolz.

"Ich stehe zu dem, was ich sage", ist Borowkas Credo seit Ewigkeiten. Der steinige Weg zurück zur Normalität und der bewusste Umgang mit seiner Krankheit. „Schreib es auf“, riet seine Frau und so brachte er mit Alex Raack nach einjähriger Arbeit ("Ich habe mich dabei bis auf die Unterhose ausgezogen") 2012 sein Buch "Volle Pulle – Mein Doppelleben als Fußballprofi und Alkoholiker" heraus. Borowka gründete einen Verein für Suchthilfe und Suchtprävention als Anlaufstelle für einstige und aktuelle Profis. Suchtkrankheiten in allen Formen – ein aktuelles Problem, das "in unserer Leistungsgesellschaft einfach keine Akzeptanz findet".

Eigentlich wäre ein Verband wie der Deutsche Fußballbund (DFB) geradezu dafür prädestiniert Unterstützung und Hilfe anzubieten. Borowka winkt ab: "Die Aufarbeitung des tragischen Todes von Auswahltorhüter Robert Enke war eine Woche nach seinem Selbstmord vorbei. Und als Per Mertesacker sich mit seinen Ängsten äußerte, da hatte für ihn der selbstherrliche Rekordnationalspieler Lothar Matthäus nur Häme übrig. Nein, der DFB, der gerade aktuell seinen Laden nicht im Griff hat, hilft seinen Spielern nicht".

Borowka kennt die Abweisung. Sucht ist in der Öffentlichkeit zu sehr tabu. "Das darf sie aber nicht sein. Gerade Jugendlichen müssen die Gefahren aufgezeigt werden". Und wer kenne nicht in seinem Umfeld wenigstens einen, der mit Suchtproblemen zu kämpfen hat.

Die Lesung am 27. März ab 19 Uhr im Businessclub des Ostseestadions soll nicht die Moralität preisen, sondern Zugang finden lassen zu der ehrlichen Aufarbeitung eines Themas, das Menschen bewegt und Betroffene erlaubt offen darüber zu sprechen.

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