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RÜCKPASS: HANSA-GESCHICHTE(n): Gestutzte junge Adler und Kostmanns Schockwellen

Sommer 1968. Die Fußballer des F.C. Hansa haben als Crew ihre Kogge erfolgreich durchs Fahrwasser geleitet: Zum Meistertitel fehlt zwar die letzte Brise, doch der beste zweite Platz aller Zeiten spannt den Kickern die Brust wie Segel. Und bugsiert sie erstmals in internationale Gewässer. Der Messe-Cup wartet mit anspruchsvollen Herausforderungen.

Am 8. Mai 1968 hat Fußball-Rostock seinen großen Tag. Ein packendes und Nerven aufreibendes Spiel entscheidet Herbert Pankau in der 89. Minute mit einem glücklichen wie umstrittenen Tor zum 2:1 gegen Jena. Vier Spieltage vor Saisonschluss stehen Hansa und Jena punktgleich an der Tabellenspitze. Zwei 0:1-Niederlagen und ein Platzverweis (gegen den Ballvirtuosen „Ex“ Pankau wegen Nachschlagens ohne Ball) später ist Hansa nur Vizemeister. Aber ein Spitzenteam der DDR-Oberliga, auch weil „Goldköpfchen“ Gerd Kostmann, der zwei Saisons in Rostock gar nicht zur Debatte steht, mit 15 Toren zum Torschützenkönig avanciert. Er reiht sich ein in die Riege der Klasseleute um Seehaus, Habermann, Heinsch, Pankau und Co. Nach einer schlaffen Vorsaison (Platz 10) hissen nun die Männer die Segel auf der Kogge.

Mit einem 1:1 beim schwedischen Vertreter Örebro SK startet Hansa aus der Sommerpause in die Wettkampfphase. Pankaus Volleyschuss hoch ins entlegene Eck kurz vor der Halbzeit ist die Initialzündung für eine selbstbewusste Leistung der Hanseaten in der zweiten Hälfte. Der GKS Katowice aus Polen (2:0 und 1:0) und der Schweizer Rivale FC La Chaux-de-Fonds (3:1 und 2:1) stellen neben Örebro (1:0) keine ernsthafte Konkurrenz dar. Hansa gewinnt seine Intercup-Gruppe mit fünf Punkten Vorsprung aus sechs Spielen. Die Meisterschaft kann beginnen.

Tja, also auf ein Neues! Hansa startet im ersten Spiel der Saison 1968/69 in der Berliner Wuhlheide mit 4:3 gegen den frischgebackenen Pokalsieger 1.FC Union. Nach zwei Spielen macht Torhüter Jürgen „Dackel“ Heinsch den Platz frei für Peter Below. Der wiederum fällt nach zwei Partien mit einer Schulterverletzung aus. Trainer Gerhard Gläser stellt den alten Haudegen Manfred Schröbler (34) ins Tor. Nun gibt Hansa zwar den Grüß-August von der Tabellenspitze, verliert aber 0:1 gegen Zwickau. Eine dürftige Generalprobe für den Premierenstart in den internationalen Messe-Cup, dem Vorläufer des UEFA-Cups.

Nizza entgeht einem Debakel

Am 18. September 1968 steht der französische Vizemeister OGC Nizza ante portas. Frankreichs „Aiglons“, die „jungen Adler“. 12 000 Zuschauer sind im Ostseestadion dabei. Der Luxemburger Albert Dickes, der offizielle Beobachter des Messe-Städte-Komitees, sieht eher ein „Freundschaftsspiel denn einen Pokalkampf“. Muss dies Hansa tangieren? „Wir wollten unser Debüt im Messecup unbedingt gewinnen“, erklärt Hansa-Kapitän Herbert Pankau. Anfangs tut sich seine Truppe schwer. Trainer Gerhard Gläser bemängelt „das fehlende Feuer, den fehlenden großen Atem“ in seiner Elf. Werner Drews‘ 1:0 zur Halbzeit ist zu dünn. Diese Gemengelage kommt irgendwie komisch daher: Jürgen Decker legt noch zwei Treffer zum 3:0-Endstand nach, das Spiel haut nicht vom Hocker und Nizza entgeht einem Debakel.

Tut jetzt Orientierung Not? Im „Stade du Ray“ von Nizza bekommt Hansa die Antwort von heißblütigen Franzosen. Die führen mit 2:0 nach mehr als einer Stunde. Und nun? Schröbler hält wie in besten Tagen, die Abwehr um Sackritz und Hergesell ist wie ein Bollwerk. Barthels und Decker beunruhigen die Gastgeber. Dann ein Sololauf von Werner Drews in der 71. Minute, präziser Flachschuss aus 16 Metern Entfernung – schon geht auch in Südfrankreich die Sonne unter. Die Hanseaten verlieren zwar 1:2, sind aber eine Runde weiter und haben gleich drei Tage später in der Meisterschaft ein Rendezvous beim starken FC Karl-Marx-Stadt. An diesem 8. Spieltag schlummert der müde F.C. Hansa bis hin zum 0:2 zur Halbzeit, ehe der „Hahn“ Werner Drews zur Aufholjagd kräht. „Eine ungewöhnliche Turbulenz“, sieht Sportjournalist Horst Friedemann. Kostmanns Siegtor zum 4:3 für Hansa ist der Lohn für eine unfassbare fußballerische Plackerei! Und Hansa setzt seinem Torhüter-Kapitel eine Facette drauf: Schlussmann Nummer 4. Der gerade 19 Jahre jung gewordene Dieter Schneider debütiert in Magdeburg mit einer starken Leistung. Hansa steht nach einem 4:1 (und drei Kostmann-Toren) gegen Jena gemeinsam mit Vorwärts Berlin an der Tabellenspitze der Oberliga. Florenz kann kommen.

Heiße Italiener mit Küssen für ihren Torwart

„Wir gewinnen 5:1“, verspricht Bruno Pesaola. Der kleine Trainer des AC Florenz hat für die zweite Runde des Messecups bereits die Favoritenrolle auserkoren. Doch an diesem 13. November 1968 braucht es mehr als die pure Ansage. Zunächst grau wie die Jahreszeit das Spiel, jedoch glanzvoller das Klientel auf der Tribüne: Ferruccio Valcareggi, der italienische Nationaltrainer. Der sagt: „Wahrscheinlich wäre die Fiorentina in Rostock noch empfindlicher geschlagen worden, wenn Hansa schon von Beginn an ohne Schüchternheit aufgetreten wäre“. Jawohl, Haken dran! Werner Drews vergibt schon nach neun Minuten den Strafstoß, den Kostmann („Ich habe gekniffen!“) nicht trat. Fortan ein Hansa-Sturm und Drang, „leider zu unklug“ (Trainer Gläser), weil fast alles über Pankau läuft. Erst nach der Pause greifen die Rostocker über die Flügel an. Schon wird es gefährlich. Nach 70 Minuten köpft (was sonst?) Kostmann zum 1:0. Postwendend trifft Maraschi zum Ausgleich. Als Barthels 9 Minuten vor Schluss die erneute Hansa-Führung besorgt, macht Rizzo vier Minuten später zum 2:2 das Remis komplett. Oder nicht? Hergesell trifft in der 92. Minute per Aufsetzer-Fernschuss zum umjubelten Siegestreffer. Ein Hochgefühl an der Ostsee!

Hansa wird ein paar Tage später mit dem Ausscheiden im FDGB-Pokal beim Liga-Zwölften Motor Hennigsdorf (0:2) von Wolke Sieben auf Parterre zurückgeholt. Die Sinne sind geschärft für das Rückspiel in Florenz. „Selbstbewusste Hansa-Elf“ steht in der DDR-Fußballzeitung fuwo. Hansa ergreift im Stadio Comunale von Florenz die Initiative. Kostmann, der die Rostocker in Führung bringt, „verbreitet Schockwellen bei den Italienern“, beschreibt es Reporter Wolfgang Hartwig. Nach dem 1:1 durch Rizzo köpft Kostmann zur erneuten Führung, die allerdings nicht anerkannt wird. Selbst nach dem 2:1 der Fiorentina hat Hansa den Ausgleich drauf. Aber bei einem von Kostmann abgefälschten Seehaus-Schuss fliegt AC-Torhüter Bandoni instinktiv zum Ball und wird danach von seinen Kameraden frenetisch abgeküsst. Soviel Emotion bleibt den Hanseaten verwehrt, die „höchst ehrbar“ (wie die italienischen Gazetten lobend bestätigen) aus ihrem ersten Messe-Cupwettbewerb ausscheiden.