Login



Noch kein Mitglied?
Jetzt Mitglied werden »

x

RÜCKPASS: HANSA-GESCHICHTE(n): Hansas furioser Sturmlauf gegen die Vorurteile

Der erste Pflichtspielgegner für die Rostocker in der Bundesliga war am 3. August 1991 der 1.FC Nürnberg. Dessen ahnungslose Reise ins Ungewisse endete in einem Debakel.

Hauen und Stechen

Der politische Umsturz der DDR entfacht im November 1989 eine enorme Wucht und fegt wie ein Herbststurm durch alle Bereiche des Lebens. Die avisierte Wiedervereinigung beider deutscher Staaten zieht alles in ihren Bann und reißt die Unentschlossenen einfach mit. Im ostdeutschen Fußball jener Tage ist von jetzt auf gleich nichts mehr wie es war. Das Interesse der Fans reduziert sich augenblicklich auf Belanglosigkeit, weil der ohnehin karge Reiz des Fußballs allenfalls Spurenelemente bereithält. Nur die noch im Mustopf  ihrer Erinnerungen schwelgenden Nostalgiker glauben an eine autarke ostdeutsche Fußballzukunft. Doch die ist vorbei ehe sie begonnen hat. Aber so gänzlich dem Verfall preisgeben? Das denn doch nicht. Am 19. Juli 1990 reitet eine ostdeutsche Fußball-Delegation um NOFV-Präsident Hans-Georg Moldenhauer ins Haus des DFB in der Frankfurter Otto-Fleck-Schneise ein um mit dem DFB-Präsidenten Hermann Neuberger und seinen Granden den zukünftigen Spielbetrieb abzuklären. Alle DDR-Auswahlmannschaften sind per Dekret Geschichte und im bezahlten Fußball tummeln sich ab 1991 acht ostdeutsche Teams (zwei in der Bundesliga, sechs in der Zweiten Liga). Die einen preisen diese Entscheidung als salomonisch, die anderen ordern Sargnägel für ihre Vereine. Doch klar ist schon: Die Saison 1990/91 wird in ein Hauen und Stechen ausarten.

Mit Haken und Ösen

Die letzte ostdeutsche Meisterschaft hat alles zu bieten: Spannung sowieso, aber auch wüste anarchische Auswüchse in den Stadien, wo der Spielbetrieb nur mit Polizeihunden, Wasserwerfern und Schützenpanzern gewährleistet wird. Hooligans aus Ost und West treffen sich zu Prügelpartys in aller Öffentlichkeit. Heerscharen von Schaumschlägern, kleinen und großen Ganoven dringen in die Sphären der Fußballer ein um ihnen vom großen Geld zu erzählen, das anderswo zu akquirieren sei. Die ostdeutschen Vereine versenden ihren Spielern deutlich bescheidenere Apanagen und schauen beizeiten in tiefe Schluchten ihrer Bilanzen.  In diesem Chaos geregelt Fußball zu spielen mutet schon unvorstellbar an. Doch der F.C. Hansa wird im Abgesang des ostdeutschen Fußballs erstmals Meister und Pokalsieger. Zwei Freistoßtore von Juri Schlünz und ein Kopfballtor von Henri Fuchs ebnen beim 3:1 gegen Dynamo Dresden am 4. Mai 1991 endgültig den Weg zum Titelgewinn und zum Einzug in die Bundesliga. Deren arrivierten Vereine sehen ihre Pfründe durch Hansa und Dresden schon mal gar nicht gefährdet. Ihre Larmoyanz speist sich aus Arroganz und Ahnungslosigkeit. Das kann ja heiter werden!

Erst die Überraschung, dann die Sensation

Der „Wessi“ auf Hansas Trainerstuhl, Uwe Reinders, resümiert im Sommer 1991 nach Meisterschaft und Pokalgewinn, seine Mannschaft sei außerordentlich lernwillig. Das trifft überall zu, schließlich auch bei den pekuniären Avancen Kölner Clubs für Henri Fuchs, Carsten Jancker und Volker Röhrich. Alle drei verlassen den Verein. Reinders holt eine Handvoll neuer Spieler und proklamiert selbstsicher den Klassenerhalt. Am 3. August 1991 hat der F.C. Hansa den 1. FC Nürnberg zu Gast. Der ist mit Köpke, Eckstein, Golke oder Brunner veritabel besetzt und demzufolge Favorit. Florian Weicherts frühes 1:0 für Hansa scheint noch surreal, doch als kurz nach der Pause binnen weniger Minuten erneut Weichert und Sedlacek mit ihren Toren die Rostocker auf den Siegespfad bringen sind die Franken perplex. Ihr Irrlichtern auf dem Rasen impliziert den Eindruck, sie hätten die Hanseaten gar nicht ernst genommen… Spieß mit dem 4:0 macht die Überraschung komplett, von der die einstige Hansa-Ikone Rainer Jarohs als Hörfunkreporter für das Schlachtschiff der Radio-Sportsendungen, nämlich der ARD-Bundesligakonferenz, in die verblüffte Fußballwelt hinein berichtet. Eine Woche später im Münchner Olympiastadion krächzt Uwe Reinders wie ein Kolkrabe. Soeben hat seine Mannschaft 2:1 bei den Bayern gewonnen. Den Siegtreffer erzielt Jens Wahl mit einem lässigen Heber über den verdutzten Torhüter Aumann hinweg. Und mit mehr Konzentration der Rostocker hätte es noch bitterer für die Bayern werden können bei dieser handfesten Sensation.